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MBB’s Bodensee-Trail 2022 – von Ort zu Ort

Arbon (Teil I)Steinach (Teil I)GoldachRorschachRorschacherbergFünfländerblickEggersrieter HöchiMartinsbruggWittenbachSt. PelagibergBischofszelldie ThurWeinfeldenSchwaderlohKreuzlingenSchloss ArenenbergSteckbornWallfahrtskirche KlingenzellEschenz mit Insel WerdStein am RheinHalbinsel HöriRadolfszellInsel ReichenauKonstanz (Teil I)Konstanz (Teil II)BodmanSipplingen – ÜberlingenKloster und Schloss SalemWallfahrtskirche BirnauMeersburgFriedrichshafenLangenargenLindauRundfahrt zu 14 Inseln im BodenseeBregenzPfänderZisterzienserkloster Wettingen-MehrerauWalzenhausenHeidenTrogenGais inkl. Schlacht am StossBrülisauAlpsteinSäntis-GipfelSchwägalpAppenzellSt. GallenMörschwilSteinach (Teil II)Arbon (Teil II)

Arbon (Teil I): Hier erfolgt der Start zur Bodensee-Tour 2022 am 17. April. Ich wurde 1952 in Arbon geboren und verbrachte am Bodensee meine Kindheit. Arbons wechselvolle Vergangenheit begann prähistorisch vor knapp 5500 Jahren mit einer jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlung um 3380 v. Chr (Bleiche 3). Die frühbronzezeitliche Pfahlbausiedlung (Bleiche 2) stammt aus der Zeit um 1700 v. Chr. Um 15 v. Chr. kamen die Römer, ein römisches Kastell wurde Ende des 3. Jahrhunderts errichtet (heute vor der Kirche St. Martin). Ab 401 verliessen die Römer die Gegend. Um 610 sollen Gallus und Kolumban in Arbona eingetroffen sein, dort wohnten Romanen, Kelten und Alemannen. Es gab auch eine christliche Kirche innerhalb des Kastells. Heute steht die Gallus-Kapelle neben der Kirche St. Martin. Gallus soll in Arbon gestorben sein, sein Grab jedoch „muss“ in St. Gallen sein – logisch. Ob es Gallus als Person im 7. Jahrhundert tatsächlich gab, ist jedoch umstritten.

Nach dem Mittelalter folgten die Neuzeit und die Industrialisierung. Von jeder Epoche gibt es lebhafte Zeugen.

Mit der Pfahlbausiedlung, die konserviert unter einem Parkplatz ruht, ist Arbon UNESCO-Weltkulturerbe. Im Historischen Museum im Schloss Arbon gibt es zum Thema eine  Ausstellung und Originalfundstücke zu sehen. Aus römischer Zeit sind Teile der alten Stadtmauer und Türme erhalten geblieben. Zu entdecken sind sie auf einem Entdeckungsrundgang ums Schloss. In 15 Minuten werden 5500 Jahre bewegte Arboner Geschichte wiedergegeben.

  • Infos unter arbon.ch
  • Meine persönlich gefärbte Reportage zu Arbon folgt später.

Arboner Bucht: In der Arboner Bucht zwischen Steinach und Arbon liegt in der Bleichi ein Pfahlbaudorf aus der Jungsteinzeit unter dem Boden eines Parkplatzes, obwohl oder weil es zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.

Überreste von 27 Häusern wurden von der Kantonsarchäologie Thurgau zwischen 1993 und 1995 ausgegraben. Gefunden wurde u.a. der Beweis für den ältesten Käse der Schweiz! Im Pfahlbaudorf lebten Rinderzüchter, Menschen aus dem heutigen Ungarn, die Schweine züchteten und Keramik herstellten. Andere waren auf dem See als Fischer tätig. Auch Jäger im grossen Arboner Forst lebten hier. Zudem gab es Webstühle, Korbflechter:innen, Schmuckkünstler:innen, Handelsleute. Die Häuser schmückten mächtige Kuhhörner oder Stierhörner (Bukranien), Symbole für die Fruchtbarkeit der Frauen (sie erinnerten an die Sichel des Mondes, bei Neumond menstruierten die Frauen) sowie ein Abwehrzauber gegen böse Geister und gegen Viehkrankheiten. Die Steinzeitsiedlung erzählt auch von Kulthandlungen.

Die Bucht des Sees war zu jener Zeit viel grösser als heute. So geht das Wort  Arbon auf „harbor“ zurück, was keltisch Bucht bedeutete. Erst die Römer verstanden unter dem lateinischischen „arbor“ das Wort  Baum und formulierten als Ortsnamen Arbor felix, glücklicher Baum. Dieser Baum prägt heute noch das Ortswappen.

Steinach (Teil I): In der katholischen Kirche ist Jakobus der Ältere Hauptpatron. Er beschützt Pilger:innen, vor allem jene auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien. Nikolaus, im Deckengewölbe, wird als Patron der Seefahrer:innen verehrt, ihm begegnet man in vielen Kirchen rund um den Bodensee. Der Apostel Andreas, ebenfalls im Deckengewölbe, fungiert als Patron der Bauern und Bäuerinnen. Der 30. November, sein Namenstag, galt als Liefer- und Zahltag für das Korn (der 30. November ist der letzte Tag vor dem Advent. Und mit dem Advent beginnt ein neues Kirchenjahr).Das Korn für das Kloster Sankt Gallen wurde im Hafen von Steinach angeliefert und im alten Gredhaus – siehe Foto – zwischengelagert. In Steinach betrieb die Schuhmacherei meines Vaters eine Filiale für die Steinacher:innen. Als Kind half ich dort oft aus, nahm Schuhe aller Art zum reparieren entgegen  – und gab sie den Kund:innen nach getaner Arbeit wieder zurück.

Goldach ist Geburtsort von Rosmarie. Vom Haus ihrer Eltern, in dem heute ihr Bruder mit seiner Frau wohnt, gibt es einen wunderschönen Blick für mich auf Arbon und den Bodensee. In der Krypta der katholischen Kirche St. Mauritius haben Rosmarie und ich im Mai 1976 geheiratet. Im Gegensatz zu Steinach mit der Stein-Ach kennt Goldach die Gold-Ach. Auf unserer Wanderung werden wir die Goldach im Chastenholz zwischen Rehetobel und Trogen überqueren. Sie ist 18,5 Kilometer lang und entspringt  im Grenzgebiet zwischen der Gemeinde Trogen (AR) und dem Bezirk Oberegg (AI) auf  1’060 Meter über Meer  beim Ruppenpass.

Rorschach: Wohnort von Esther und Markus Hartmeier. Erwähnenswert sind die Kolumban-Kirche (im 8. Jahrhundert vom Kloster Sankt Gallen erbaut), das Kornhaus sowie ab dem Hafen die alte Strasse nach Sankt Gallen. In der Nähe von Hartmeier’s Wohnung steht das ehemalige Kloster Mariaberg, jetzt ist darin die Pädagogische Hochschule des Kantons Sankt Gallen untergebracht. Sehenswert ist unten direkt am See auch das Forum Würth mit Kunstausstellungen. Ebenfalls am Seeufer endet oder beginnt für Velofahrende die Herzroute 99 quer durch die Schweiz, sie ist 720 km lang.

Rorschacherberg ist der Bürgerort von Rosmarie. Gemeinde und Hügelzug tragen den gleichen Namen.

Fünfländerblick: Vom Aussichtspunkt auf 898 m Höhe zu sehen sind fünf Regionen: Vorarlberg, Bayern, Baden, Württemberg und die Schweiz, eine etwas eigenartige Liste. Aber die Aussicht über den Bodensee ist toll. Und der Weg hinauf von Rorschach steil.

Eggersrieter Höchi: Auf der Krete des Rorschacherberges befindet sich die Eggersrieter Höchi auf 897 m über Meer. Die Mühen des Aufstiegs von Rorschach her werden durch eine mannigfache Aussicht belohnt: Gegen Norden auf die Weite der Seegemeinden und des Bodensees, im Süden auf Eggersriet, die Töbel und Höger von Appenzell Ausserrhoden, auf die Alpsteinkette sowie auf die Spitzen der Churfirsten und der Glarner Alpen.

Martinsbrugg: Wer von Rorschach und Goldach auf dem Jakobsweg oder vom Fünfländerblick und der Eggersrieter Höchi auf dem Wanderweg unterwegs ist und nach Sankt Gallen will, muss den Fluss Goldach über die Martinsbrugg überqueren und auf dem Jakobsweg nach Sankt Gallen weiterwandern.

Wittenbach liegt nördlich der Stadt St. Gallen zwischen den eingeschnitten in Tobel verlaufenden Flüssen Sitter und Steinach. Wir wandern ab Wittenbach teilweise der Sitter entlang bis Bischofszell. Die Gemeinde reicht bei der Wallfahrtskirche Heiligkreuz weit in den Siedlungsraum der Stadt St. Gallen hinein.

St. Pelagiberg ist Ortschaft, Wallfahrtsort und Teil der Kirchgemeinde Gottshaus in der Gemeinde Hauptwil-Gottshaus TG. Es wird erstmals 1486 als Pelayenberg erwähnt. Seit dem Spätmittelalter steht auf einem markanten Hügel in der Gemeinde Gottshaus eine Kapelle. Nach einer Erweiterung weihte der Weihbischof von Konstanz, Daniel Zehnder, 1487 einen Marienaltar. Nach der Reformation war die Kapelle im Besitz der Evangelischen, die dort bis 1630 Kinderlehre hielten. Die Chorherren von Bischofszell leiteten 1663 die Rekatholisierung ein, schufen den Wallfahrtsort und inkorporierten 1726 die Kapelle in ihr Stift. Nach der Auflösung des Stifts wurde die Kapelle 1849 zu einer Filiale von Bischofszell. Die 1888 erbaute Kirche dient seit 1908 als Pfarrkirche der neuen Pfarrei St. Pelagiberg. Ab Beginn des 21. Jahrhunderts betreiben Schwestern auf St. Pelagiberg ein Kur- und Exerzitienhaus.

Bischofszell: Bischoffescella wurde 1155 erstmals urkundlich erwähnt. Die früher (fürst-)bischöflich-konstanzische Stadt war wegen ihrer Lage an der Grenze zum Gebiet der Fürstabtei Sankt Gallen und ihrer Flussübergänge von Bedeutung. Hier mündet die Sitter in die Thur. Seit dem 19. Jahrhundert hat sie als Industriestandort regionale Zentrumsfunktion, liegt aber abseits der grossen Verkehrswege. Seit 2010 gehört die Stadt zum Bezirk Weinfelden, vorher war sie ein eigener Bezirkshauptort im Oberthurgau. Das Ortswappen erinnert in Rot und mit einem von einem gelben Arm gehaltenen gelben Bischofsstab an die frühere Verbindung zum Bistum Konstanz.

Die Thur hat von der Quelle der Säntis-Thur am Chalbersäntis (2035 m ü. M.) bis zur Einmündung in den Rhein (345 m) bei Flaach ZH eine Länge von 134,6 km, davon fliessen rund 70 km im Kanton St. Gallen, 45 km im Kanton Thurgau und 20 km im Kanton Zürich. Der Name ist erstmals 886 als Dura belegt. Im 13. Jahrhundert erscheint die Schreibung Turia, im 14. Jahrhundert Thûr, Tûr. Der Name wurde als alteuropäisches Hydronym gedeutet, von einem durâ oder duriâ (Flusslauf) von der indogermanischen Wurzel dhu (laufen, eilen). Nach dem Gewässer war das Turgowe benannt, ein pagus im Herzogtum Alemannien. Die erste Nennung des pagus ist aber älter als die früheste Nennung des Gewässers, erwähnt als in pago Durgaugense um 745. Daraus entwickelten sich die Namen der Grafschaft Thurgau und des modernen Kanton Thurgau. Die Thur ist nicht reguliert und wird bei Hochwasser zum Wildbach.

Auf Schweiz Mobil informiert der Thurweg 24 über acht Wanderetappen zu Fuss meist der Thur entlang. Sie beinhalten 160 km von Gamplüt oberhalb von Wildhaus im Toggenburg bis Rüdlingen ZH. Im Aufstieg sind 1900 Höhenmeter zu nehmen, im Abstieg 2900 m.

Weinfelden zählt rund 12 000 Einwohner:innen. Einige davon sehen wir auf unserem Spaziergang. Der uns bekannteste ist zwar hier geboren, lebt aber in Winterthur: Peter Stamm. Dafür bekam der Schriftsteller bereits zu Lebzeitgen einen Weg „gespendet“, der nach ihm benannt ist. Was in Weinfelden von weit her auffällt, ist der Turm der evangelisch-reformierten Kirche. Der neuromanische Zentralbau steht auf einem kleinen Hügel, auf einem Podest, und grüsst weit ins Land hinaus.

Weinfelden gilt als „zweite“ Hauptstadt des Thurgaus. Wegen der zentraleren geografischen Lage, sagen die einen. Aufgrund seiner Geschichte oder aus Konkurrenzdenken, meinen andere. Mehrere kantonale Einrichtungen haben hier ihren Sitz, so die Thurgauer Kantonalbank und das Thurgauer Verwaltungsgericht. Der Grosse Rat, das Parlament des Kantons, tagt im Winterhalbjahr in Weinfelden. Vor vielen, vielen Jahren sass ich einmal als Berichterstatter für die damalige Arboner Tageszeitung „Der Oberthurgauer“ im Parlamentssaal.

Der Ort, er ist der grösste Verkehrsknotenpunkt im Kanton, liegt im Thurthal und ist von wunderschönen Rebbaugebieten umgeben, so vom Ottenberg (in Ottoberg wohnt der bekannte Schwinger Samuel Giger). Der Name Weinfelden taucht 838 in einer Schenkungsurkunde an das Kloster St. Gallen auf. Damals hiess es Quivelda (= Winis Feld). Ob Wini als Weinbauer tätig war? Es ist zu vermuten. Das Wappen von Weinfelden stellt jedenfalls eine Rebenranke mit drei blauen Trauben dar.

Weinfelden erlangte 1798 historische Bedeutung, es war die grösste Gemeinde des Kantons. Paul Reinhart führte mit seinem Komitee den Thurgau aus langer eidgenössischer Untertanenschaft (seit 1460) in eine kurze erste Freiheit. 1803 wurde der Kanton Thurgau durch die Mediationsakte von Kaiser Napoléon offiziell unabhängig – und Frauenfeld Hauptstadt.

1830 erlangte Weinfelden zum zweiten Mal politische Bedeutung. Thomas Bornhauser forderte und erlangte 1831 eine der ersten liberalen Verfassungen Europas. Noch heute werden in Weinfelden mit Paul Reinhart und Thomas Bornhauser die beiden hier bedeutendsten Politiker des 19. Jahrhunderts in einem Atemzug genannt. Von beiden hängen im Rathaus Portraits, von beiden stehen dort Büsten; es gibt eine Paul-Reinhart- und eine Thomas-Bornhauser-Strasse, ein Paul-Reinhart- und ein Thomas-Bornhauser-Schulhaus, die Paul-Reinhart-Gedenktafel am Haus „zum Komitee“ und den Thomas-Bornhauser-Brunnen auf dem Rathausplatz.

Schwaderloh ist ein Weiler in der Gemeinde Kemmental im Thurgau. Er liegt am Jakobsweg, der hier Schwabenweg heisst und von Konstanz bis Einsiedeln führt. Das Gebiet von Schwaderloh wird erwähnt wegen eines Ereignisses im Jahr 1499. Hier hatten die eidgenössischen Truppen ihr Lager. Unterhalb davon bei Triboltingen bekriegten sich am 11. April in der Schlacht im Schwaderloh / in der Schlacht bei Triboltingen zwei Parteien. Die Geschichtsschreibung kennt für den Kampf zwei Namen: Schwabenkrieg (aus Schweizer Sicht) – Schweizerkrieg (aus schwäbischer Sicht). Die Eidgenossen erzielten trotz zahlenmässiger Unterlegenheit (1500 Mann gegen 6000 – 7000 Mann)  einen Sieg über die kaiserliche Partei, über den Schwäbischen Bund. Die Eidgenossen zählten ca. 100 Tote, der Schwäbische Bund zwischen 1300 und 2000. Zur Erinnerung an die Schlacht von Schwaderloh wird alle 50 Jahre ein Festspiel veranstaltet.

In der Schweizergeschichte stellt das Jahr 1499 ein Datum dar, welches im Lauf der Zeit stark überhöht wurde. Peter Niederhäuser und Werner Fischer haben im Jahr 2000 das Buch „‘Vom Freiheitskrieg‘ zum Geschichtsmythos. 500 Jahre Schweizer- oder Schwabenkrieg“ herausgegeben. Es beleuchtet Hintergründe und Folgen eines längeren Ablöseprozesses der alten Eidgenossenschaft vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dieser Prozess mit Auf und Ab der Beziehungen habe bis 1848 gedauert. Lange interpretierten Schweizer Historiker den Schwabenkrieg jedoch als Beginn eines neuen Verhältnisses zum Reich. Diese Sichtweise ist heute überholt, der Schwabenkrieg gilt nicht mehr als Einschnitt. So lautet der Titel über das letzte Kapitel des Buches: „Kriegs“-Geschichte im Wandel. Heute gebe es  zwar mehr Informationen zu jener Zeit, wo die Situation verworren gewesen sei und deren Verstehen an Grenzen stosse, schreibt Peter Niederhäuser, aber vieles bleibe immer noch ungeklärt! Zwischen Vintschgau und Oberelsass entbrannte während des Jahres 1499 ein erbarmungsloser, blutiger, auf Kosten der Bevölkerung geführter Kleinkrieg, der Gebiete entlang des Rheins, das Engadin sowie das Etschtal verwüstete. Zwei Parteien standen einander gegenüber: Eidgenossen und Bündner auf der einen, Habsburg-Tirol und Schwäbischer Bund auf der anderen Seite. Ein militärisches Patt verunmöglichte den Sieg einer Partei. Friedensschlüsse blieben oberflächlich, selbst jener vom  22. September 1499 in Basel. Immerhin beendete der Frieden von Basel Scharmützel und Raubzüge, die ein halbes Jahr Elend brachten.

Der Autor zeichnet ein allmähliches Auseinanderentwickeln Süddeutschlands und der eidgenössischen Orte. Und er verweist auf das politische Umfeld der Grossmächte Frankreich und Habsburg, wobei sich die Eidgenossen sich verstärkt Frankreich zuwandten.

Peter Niederhäuser kann dem Schwaben- oder Schweizerkrieg wenig Sinn abgewinnen. Jedenfalls könne er nicht als Unabhängigkeitskrieg bezeichnet werde, wie Ende des 19. Jahrhunderts interpretiert. Ein Bürgerkrieg war es ebenfalls nicht. So werde es verständlich, dass 1999 kein Festakt, keine Jubiläumsfeier durchgeführt wurden – ausser kleinere Anlässe im Thurgau, in Solothurn, in Graubünden und in Basel.

Am Beispiel Schwaderloh/ Triboltingen kann jedoch die Spaltung der Rhein-Bodensee-Landschaft klar gemacht werden, allein schon durch zwei Bezeichnungen für den gleichen Krieg. Interpretationen sind Ansichtssache und politisch bedingt.

Kreuzlingen ist mit rund 22 000 Einwohner:innen die zweitgrösste Stadt im Thurgau und die grösste Stadt am Bodensee auf Schweizer Seite. Das Gebiet von Kreuzlingen ist bereits ab der Bronzezeit besiedelt. Dann folgten Kelten und Römer, schliesslich Alemannen. Heute ist die Stadt eng mit Konstanz verwoben.

Der Name stammt vom Augustiner-Chorherrenstift „crucelin“. Dieses wurde 1125 vom Konstanzer Bischof Ulrich I. von Kyburg-Dillingen gegründet und stand 1 km nordwestlich des heutigen Standortes. Im Schwabenkrieg (1499) und während des Dreissigjährigen Kriegs (1618 – 1648) nach der Belagerung von Konstanz durch die Schweden wurde das eigenständige Augustiner-Chorherrenstift durch Konstanzer niedergebrannt, weil sie dem Kloster vorwarfen, Stützpunkt für den Feind gewesen zu sein. 1650 baute man das Kloster am heutigen Ort neu auf. Nach der Säkularisation im Jahr 1848 bezog das Thurgauer Lehrerseminar die Räume, heute ist es die Pädagogische Maturitätsschule am Seminar Kreuzlingen (PMS). Die ehemalige Klosterkirche wird als katholische Pfarrkirche St. Ulrich und St. Afra benutzt, berühmt darin ist die Ölberg-Kapelle. In der Pfarrei habe ich im Sommer 1974 als Theologiestudent ein Praktikum absolviert und bin in die barocke Welt des Kirchenbaus eingetaucht. Das Wappen von Kreuzlingen mit Kreuz und Bischofsstab erinnert an die Vergangenheit von Kloster und Zugehörigkeit zum Bistum Konstanz.

Schloss Arenenberg ist Anfang des 16. Jahrhunderts vom Konstanz Bürgermeister Sebastian Geissberg erbaut worden, vorher stand hier ein Bauernhof namens Narrenberg. Dieser Name schien späteren Bewohnern der Gegend unpassend, mehr und mehr wurde an dessen Stelle Arenenberg gebraucht. Der Besitz des Schlosses wechselte immer wieder in andere Hände. Eine Familie von Streng verkaufte es schliesslich 1817 an die damals in Konstanz im Exil weilende Exkönigin Hortense de Beauharnais. Sie war die Tochter der Kaiserin Joséphine, der ersten Frau Napoléons I., und Gattin von Napoleons Bruder Louis, der von 1806 bis 1810 König von Holland war. Hortense liess das Schloss umbauen und nach Pariser Geschmack einrichten. Auch ein von Frankreich inspirierter Landschaftspark musste die Schlossanlage ergänzen. Um seiner Schwester während der Sommermonate nahe zu sein, kaufte ihr Bruder Eugène de Beauharnais 1819 Güter der ehemaligen Herrschaft Sandegg und baute sich oberhalb der mittelalterlichen Burg Schloss Eugensberg.

Hortense lebte bis zu ihrem Tod 1837 auf Arenenberg. Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoléon III., wuchs teilweise im Schloss Arenenberg auf. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend am Bodensee und lernte die deutsche Sprache. 1843 verkaufte er das Schloss. 1855 jedoch kaufte seine Frau, Kaiserin Eugénie, das Gut als Geburtstagsgeschenk für ihren Gatten zurück und ließ es 1855 und 1874 renovieren und umbauen. Der letzte Aufenthalt Napoleons III. auf dem Arenenberg fand im August 1865 statt. Nach seinem Tod besuchte Eugénie noch mehrmals das Schloss und schenkte es schließlich 1906 dem Kanton Thurgau.

Heute können Schlossmuseum und Umgebung besucht werden. Die Anlage gehört weiterhin dem Kanton Thurgau. Die Wirtschaftsgebäude beherbergen das Thurgauer landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum.

Steckborn ist ein Städtchen, das am Untersee liegt und zwar auf dem Südufer am Hang des Seerückens. Gegenüber erblickt man die nahe deutsche Gemeinde Gaienhofen. Zu Steckborn gehört das Areal des 1253/1254 erbauten Zisterzienserinnenklosters Feldbach, das heute als Hotel dient. Feldbach war zeitweise mit dem Zisterzienserkloster Salem verbunden. Beim Spazieren lassen sich schöne Altstadthäuser, Türme und Überreste der Stadtmauer entdecken. Am Hang des Seerückens wurden / werden neue Wohnquartiere gebaut.

Die Region ist nachweislich in der Jungsteinzeit (ab 4300 bis 2200 v. Chr.) besiedelt worden, es entstanden Pfahlbausiedlungen. Die Römerzeit (15. v. bis 400 n. Chr.) hat ebenfalls Spuren hinterlassen Nachher folgten Alemannen als Einwanderer, sie vermischten sich mit der gallorömischen Bevölkerung. Um 850 stand hier eine Kirche. Damals soll ein Selbo seine Güter in Steckborn dem Kloster Reichenau geschenkt haben. Das Kloster auf der nahen Insel besass frühe Kirchenrechte und Grundbesitz. Um 1128 wurde der Turmhof, heute das Wahrzeichen des Städtchens, erbaut. Er diente dem Abt des Klosters Reichenau als Sitz am Südufer des Untersees.

Klingenzell zieht Menschen an. Hier steht eine regionale Wallfahrtskirche. Der schönste Weg ist der klassische: zu Fuss von Mammern am Bodensee über die Hochwacht (mit einem alten Bunker und toller Rundsicht). Neben der Kirche findet sich eine Lourdesgrotte, sie wurde aus Steinen der ersten Wallfahrtskirche gebaut. Heute wird die Kirche, andere sagen: Kapelle, vorwiegend für Hochzeiten und Taufen benutzt. Freiherr Walter von Hohenklingen veranlasste den Bau zu Ehren von Maria und der Heiligen Georg, Christophorus und Jodokus – und zugunsten seines eigenen Seelenheils. 1336 übergab er die Kapelle dem Kloster St. Georgen in Stein am Rhein. Wegen heftiger Regenfälle drohte die Kirche 1698 abzurutschen. Sie wurde an dem Ort, wo sie heute steht, neu errichtet und im damaligen Baustil Barock ausgestattet. An den alten Standort erinnert die Lourdesgrotte. Während Jahrhunderten pilgerten Menschen mit ihren Anliegen und Bitten zu Maria, die im Volk die Funktion der Muttergöttin ausübt(e), ein kleines gotisches Gnadenbild wird noch immer verehrt. Frauen spielen in der Ausstattung der Kirche eine wichtige Rolle: das Gnadenbild der Maria, Kunigunde als Stifterin des Klosters St. Georgen in Stein am Rhein sowie Scholastika, die Zwillingsschwester Benedikts von Nursia. Beide wurden der Überlieferung nach 480 in Umbrien geboren. Scholastika wurde ebenfalls Äbtissin und starb 528 bei Montecassino. Papst Gregor der Grosse verfasste 100 Jahre später eine Biografie zu Benedikt und dessen Schwester. Darum ist nicht immer klar, was Legende und was Fact ist. Es wird angenommen, dass Scholastika und Benedikt im gleichen Grab bestattet worden seien. Auch Gregor der Grosse steht als Statue in Klingenzell.

Statuen und Bilder erzählen den Pilger:innen, die damals meist Analphabeten waren, somit nicht nur lokale Geschichten, die bis in die Bischofsstadt Konstanz reichen, sondern geradezu Weltgeschichte. Und wer nach Klingenzell pilgert, erhält 40 Tage Ablass vom Fegefeuer (Purgatorium). Dieses „heisse“ Bild aus dem Mittelalter, mit Anklängen an die Antike, dürfte von der jungen Generation nicht mehr verstanden werden. Dominikanermönche in Paris haben es im 12. Jahrhundert eingeführt, als Ausweg für Sünder:innen aus der vorherigen Einbahnstrasse zur Hölle, damals eine geistliche Revolution. Als Hölle und Fegefeuer werden heute irdische, konkrete Schrecken wie Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung, Mobbing, Verletzung von Menschenrechten, schwere Krankheiten, seelische Not … verstanden.

Eschenz mit der Insel Werd schauen auf eine römische Vergangenheit – wie Arbor felix und Pfyn. Eschenz wurde ein Dorf, ein vicus. Vicus Tasgetium hiess der Ort. Doch seine Geschichte reicht weiter zurück. Der Ausfluss des Untersees in den Rhein eignete sich ideal für einen Siedlungs- und Handelsplatz. Auf dem Wasser, auf Rhein wie See, konnten Menschen und Waren transportiert werden. Bereits ab 3800 v. Chr. haben Menschen die Insel Werd bewohnt, Ackerbau und Viehzucht betrieben, Textilien und Keramikgefässe hergestellt. Um 2000, am Ende der Jungsteinzeit, erwirtschafteten sich die Einheimischen dank Handelsbeziehungen Reichtum. Ein Goldbecher – Prunkstück oder Ritualgefäss – zeugt davon, er wurde 1906 beim Bau des Bahnhofs gefunden. In der Zeit von Kaiser Augustus und Jesus von Nazaret lebten hier Kelten. Archäologen fanden 1977 eine Holzstatue von 61,5 Zentimeter, wohl eine gallorömische Figur aus den Jahren um 10 v. Chr. Wahrscheinlich dürften noch andere alte Schätze im Boden vergraben sein. Die Römer bauten im 1. Jahrhundert n. Chr. eine Brücke via Insel Wird, die beide Ufer verbanden. Darunter kam eine Vielzahl von Münzen zum Vorschein, vielleicht Opfergaben an den Flussgott Rhenus. Gefunden wurden auf der Insel zudem Mondhörner, rätselhafte Gegenstände aus der Spätbronzezeit zwischen 1000 und 800 v. Chr.

In der Gegenwart haben Franziskaner, welche jetzt hier leben, ein Labyrinth angelegt, das bereits in mittelalterlichen Kirchen den Fussboden zierte: Symbol für den Lebensweg, fürs Weitwandern. Und am Ufer bildeten sie mit 12 Steinen einen Kreis im immer wieder zu ordnenden Kies, er verbindet Judentum – Zen-Buddhismus – Christentum. In dessen Mitte liegt ein Davidsstern mit dem Namen Jahwe. In Eschenz würde sich ein Besuch im Museum lohnen, leider öffnet es erst im Mai. Darin sind Funde und Kopien aus der Fundstätte Eschenz-Insel Werd des UNESCO Weltkulturerbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ zu sehen. Ausgrabungen einer prähistorischen Pfahlbausiedlung gibt es bekanntlich auch in Arbon zu sehen, im Historischen Museum im Schloss – sowie in Unteruhldingen, das ebenfalls am Wanderweg um den Bodensee liegt.

Stein am Rhein kann in seiner Geschichte bis ins 7. Jahrhundert zurückgehen. Am Übergang des Sees in den Rhein gab es damals die Brücke über den Rhein, den die Römer via Insel Werd im 1. Jahrhundert n. Chr. bauten, nicht mehr. So boten die Einheimischen als Dienstleistungen Fährdienste an und Umlade-Hilfen bei Waren von einem auf ein anderes Transportmittel. Der Ort war als Handelsplatz begehrt. Der bayrische Herzog Heinrich wurde 1002 zum deutschen König Heinrich II. gewählt. Er erbte das Kloster St. Georgen, das die kinderlos gebliebenen Herzog Burkhart III. und dessen Frau Hadwig 970 auf dem Hohentwiel gestiftet hatten. Heinrich II. löste es schnell auf und wies die Mönche an, unten am Ausfluss des Untersees ein neues Kloster zu errichten. 1007 zogen die Mönche ein. Sie bekamen auch Besitz in Stein (am Rhein) und in der weiteren Umgebung. Die Menschen der Umgebung wurden zu Leibeigenen des Abtes und dieser ein mächtiger Grundherr (Wobei ein Sprichwort hiess: „Unter dem Krummstab ist gut leben.“). Im 11. Jahrhundert erhielt das Kloster noch das Münz- und Marktrecht. Es war direkt dem deutschen König bzw. dem Kaiser unterstellt.

Im 14. Jahrhundert verstärkte sich die Kritik der neuen und aufgeweckter Bürgerschaft an der Macht des Klosters. Sogar der Vogt der Region stellte sich 1385 auf deren Seite. Es kam im Jahr 1520 zum Bruch. Die Bürger von Stein am Rhein nahmen 1522 in demokratischer Abstimmung die Reformation an – und 1524 wurde das Kloster St. Georgen aufgehoben. Heute befindet sich in dessen Mauern ein Klostermuseum.

Die Zeit ab dem 14. Jahrhundert wurde in auch in religiöser Hinsicht immer unruhiger. Die Reformationsbewegungen – 1517 mit Martin Luther in Wittenberg begonnen – brachten schliesslich einen massiven Umbruch ins Denken, Agieren, Politisieren und Bekriegen der Menschen hinein.

Die Halbinsel Höri liegt zwischen Radolfzell und Stein am Rhein im Untersee und zeigt mit ihrer Spitze bei Horn zur Insel Reichenau und Richtung Konstanz. Etwa 10‘000 Einwohner leben auf 63 km2 in den Gemeinden Moos, Gaienhofen mit Hemmenhofen sowie Öhningen. Zahlreiche Kunstschaffende und Schriftsteller wie Hermann Hesse, Ludwig Finckh, Max Bucherer, Otto Blümel, Ludwig Renner, Otto Dix, Helmuth Macke, Max Ackermann und Erich Heckel und viele andere wurden von dieser einzigartigen Landschaft angezogen und inspiriert. Sie haben ihr Namen wie Künstlerlandschaft, Literaturlandschaft verliehen. Im Hesse-Museum Gaienhofen, im Mia- und Hermann-Hesse-Haus und im Museum Haus Dix in Hemmenhofen lässt sich Spuren einiger berühmter Bewohner:innen folgen. Außerdem sehenswert sind die Dix-Fenster in der Petruskirche im nahen Kattenhorn. Hermann Hesse lebte hier von 1904 bis 1912, Otto Dix von 1936 bis 1969.

Radolfszell erweist jeweils am dritten Sonntag im Juli seinen Stadtpatronen, den drei Hausherren, die Ehre – und dies seit bald 1200 Jahren. Damals, im Jahr 826, erhielt Ratoldus oder Radolf, ein alemannischer Adliger und bis anhin Bischof in Verona vom Abt der Reichenau ein Grundstück geschenkt am westlichen Ende des See in einem Fischerdorf. 840 trat er als Bischof zurück, kam an den Zellersee und gründete als Pensionär eine Klosterzelle. Er brachte laut Überlieferung drei Reliquien von Heiligen mit. Die erste von Zeno, der im 4. Jahrhundert Bischof in Verona war und seinen Lebensunterhalt mit Fischen bestritten haben soll. Das gefiel den Fischern am See. Die zweite Reliquie „stammt“ von Theopont, um 303 Bischof von Nikomedien in der heutigen Türkei. Er wurde wegen seines Christseins ermordet, so die Legende. Die dritte Reliquie „stammt“ von Senesius, einem Mann mit magischer Kraft, begleitet von einem starken Ochsen. Diese Heiligen standen den Menschen in wichtigen Lebenssituationen zur Seite, bei Geburten und in Krankheiten sowie beim Fischfang, in der Viehhaltung – und bei Hochwasser. Den Menschen von Radolfszell bedeuteten diese Heiligenlegenden über die Jahrhunderte viel. Den Kult um ihre Hausherren hielten und halten sie aufrecht. Im Münster der Stadt werden sie im linken Seitenschiff in einer eigenen Kapelle ab 1752/53 dargestellt, damit die Wallfahrer:innen das Chorgebet der Chorherren nicht störten. In der heutigen Zeit hat ein solcher Volksglaube, der in das 4. Jahrhundert zurückreicht und auf legendarischen Erzählungen über Heilige beruht, in der Breite an Bedeutung verloren.

Die Insel Reichenau war bis 1830 tatsächlich eine richtige Insel. dann wurde sie durch einen Damm mit dem Festland verbunden. In die Geschichte trat sie bereits um 700 ein. Der Alamanne Sintlatz soll sie urbar gemacht haben. Um 724 kam – gemäss Legende – ein Wanderbischof Pirmin mit 40 (?) Mitstreitern hierher, um ein Kloster zu gründen. Schriftliche Quellen dafür gibt es nicht, auch keine Urkunden. Und die Biografie des Pirmin liegt weitgehend im Dunkeln. Er wurde erster Abt der Reichenau, die erst unter den Karolingern den Namen „Augia dives“ (= reiche Aue) erhielt. Zu jener Zeit verschärften sich politische Auseinandersetzungen zwischen Franken und Alamannen / Alemannen. Pirmin sollte die Erweiterung des fränkischen Gebietes unterstützen. Aber schon nach drei Jahren musste er, wiederum aus politischen Gründen, weiterziehen, so half er anderen Klöstern bei deren Ausbau.

Der Bodenseeraum als zentral gelegene Landschaft im westlichen Europa zog das Interesse der Karolinger auf sich. Sie dehnten ihren Einflussbereich nach Osten aus. Dabei entstand ein Netz von Klöstern, die sich ihren fränkischen Herren gegenüber zu Steuerabgaben und Kriegsdienst verpflichteten. Die Reichenau lag zwar auf alamannischem Stammesgebiet, das missioniert werden musste – doch die Bodenseeregion stellte auch eine gute Verkehrsverbindung her auf dem Weg über die Alpen nach Oberitalien. Schon das erste Holzkloster auf der Reichenau hatte wohl grössere Ausmasse. Und es lag fast direkt am Seeufer. Noch im 8. Jahrhundert ersetzte eine Steinkirche die Holzkirche St. Maria.

Die dynamische Entwicklung ging weiter. Reichenauer Äbte waren längere Zeit in Personalunion zugleich Bischöfe von Konstanz. Alamannische Adelskreise beschenkten das Kloster mit Gütern und Schenkungen, die Zahl der Mönche wuchs. Bald erlangten Bibliothek und Scriptorium überregionale Geltung. Zwischen 786 und 823 wurde das Kloster Reichenau eine der einflussreichsten Abteien im Reich Karls des Grossen. So gilt die karolingische Zeit als „Goldenes Zeitalter“ der Reichenau. 799 konnte die Kirche St. Peter geweiht werden und 827 entstand hier noch der weltberühmte Sankt Galler Klosterplan (der aber nie verwirklicht worden ist). Walahfrid Strabo verfasste in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts theologische, poetische, wissenschaftliche Schriften inklusive einer Otmar-„Biografie“, damit wuchs die Bibliothek stark an. (Otmar gilt um 719 auf Wunsch des Karolinger Königs Pippin als Gründer des Klosters Sankt Gallen.) Um 830 gelangten die legendären Gebeine des Evangelisten Markus aus Venedig unter einem Tarnnamen (!) auf die Insel. Um für die Reliquien eine würdige Stätte zu schaffen, wurde in Mittelzell das Westquerschiff, die Markusbasilika, erbaut und ins Marienmünster integriert. Der Urenkel Karls des Grossen, Karl der „Dicke“, starb 888, sein Grab findet sich im Münster in Mittelzell. Dessen Nachfolger, König Arnulf von Kärnten, ernannte Hatto III. (888-913) im Jahr 891 zum Erzbischof von Mainz und machte ihn zum Reichskanzler. Hatto blieb der Reichenau verbunden und gründete 896 wohl die Georgskirche für den Kopf des Georg in Oberzell. Die freien Flächen der Insel wurden landwirtschaftlich genutzt, der Anbau von Reben war zentral.

Auf das „Goldene Zeitalter“ folgte ab den Jahren um 1000 das „Silberne Zeitalter“. Es wurde gebaut und umgebaut, vieles davon ist heute „unter dem Boden“. Sehenswert geblieben sind der Wandmalereizyklus in St. Georg über Wunder Jesu sowie Handschriften mit Text und Bild der „Reichenauer Malschule“. Ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die Blütezeit der Reichsabtgei Reichenau vorüber – alle Leistungen des Klosters wurden bescheidener. Weltliche Inselbewohner:innen bestimmten nun zunehmend den Alltag. Fischer, Bäcker, Köche, Tuchwalker, Winzer wurden wichtiger. Im Jahr 1235 brannte es in Konvent und Kirche. Es blieben noch sieben Mönche nebenan. 1540 wurde das Kloster als Priorat in das Hochstift Konstanz einverleibt. Und die Säkularisierung 1803-1805 brachte das endgültige Aus für die geistliche Herrschaft auf der Insel Reichenau.

Konstanz, Teil I: Die Stadt gibt auf Französisch und Englisch dem Bodensee einen ganz anderen, aber ebenfalls stolzen Namen: Lac de Constance / Lake Constance. Konstanz ist die grösste Stadt am See mit gegenwärtig rund 85‘000 Einwohner:innen. Diese können auf eine lange Geschichte verweisen.

Hier ein erster, kurzer Text zur Stadt. In Teil I der Bodensee-Umwanderung ist sie nur Umsteige-Bahnhof auf dem Weg von der Insel Reichenau nach Bern. Mit Teil II werden wir am 17. Juli in Konstanz „richtig“ starten. 

Kelten haben ab 150 v. Chr. auf dem Gebiet der Stadt Konstanz eine kleine Siedlung errichtet. Sie war dreifach geschützt durch See, Seerhein und Sumpf. Die Römer bauten um 75 n. Chr. ein kleines Militärlager auf. Wichtiger wurde die Siedlung für sie um 300, als der Bodensee Teil der Reichsgrenze wurde. Kaiser Diokletian liess ein Kastell bauen. Vor 350 nannte Kaiser Konstantin II. die Siedlung sich zu Ehren Constantia. Um das Jahr 600 wurde hier ein erster christlicher Bischof eingesetzt. Er liess am Ort des Kastells eine erste, wohl kleine Kirche errichten, die ab 750 mehrmals um- und ausgebaut wurde. Im Jahr 934 wird der adlige Welfe Konrad zum Bischof gewählt. Den Dienst übte er bis 975 aus. Konrad pilgerte mehrmals nach Rom und Jerusalem, brachte Reliquien nach Hause. Er liess u.a. das Heilige Grab nachbilden und weihte es Mauritius. Weil ihm Rom gefiel und er das grösste Bistum nördlich der Alpen leitete, machte er aus Konstanz mit dem Bau weiterer Kirchen „ein zweites Rom“. Davon ist heute (fast) nichts mehr zu sehen. Bischof Gebhard II. (979 – 995) setzte den Ausbau von Konstanz zum zweiten Rom fort mit dem Kloster St. Georg, das im Volk jedoch als Siedlung des Petrus, als Petershausen, betrachtet wurde. Petrus, der ehemalige Fischer, stand den Fischern am See näher als Georg! Im Jahr 1159 zerstörte ein grosser Brand Kirche und Kloster.

Zu Konstanz gehört auch das Konstanzer Konzil zwischen 1414 und 1418, ein Konzil, das gleich drei Päpste zur gleichen Zeit erlebte.

Konstanz, Teil II: Beim Konstanzer Konzil im 15. Jahrhundert wurden drei Päpste abgesetzt und am 11. November 1417 ein neuer Mann zum Papst gewählt: Martin V. Es ist jedoch nicht das einzige Ereignis, das die Stadt prägte. Ich habe in der Rubrik Essay einen längeren und doch kurzen Text von 9 Seiten zur Stadtgeschichte verfasst. Unter anderem gehe ich darin der Frage nach, warum Konstanz im 15. Jahrhundert keine eidgenössische Stadt wurde. Immerhin hört man heute beim Flanieren durch die Altstadt vor allem schweizerdeutsche Idiome. In ihrer Geschichte hatte die Stadt zweimal grosses Glück. Weder im Dreissigjährigen Krieg (1618 – 1848) noch im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) wurde sie zerstört. Ein in sich fast stimmiges Bild der Altstadt zeugt davon. Dazu gehören auch eher unbekannte und fast unsichtbare Feuergassen und Wuostgräben. Letztere brauchten die Bewohner:innen als Orte zur Abfallentsorgung. Trotzdem ist manches verschwunden, vieles mehrmals um- und neu gebaut worden. Heute ist die grösste Stadt am Bodensee eine moderne Grossstadt mit rund 85‘000 Einwohner:innen. Und im Sommer eine attraktive Region für sehr viele Tourist:innen.

Bodman gehört wie Arbon zu den 111 Pfahlbau-Fundstellen in sechs Alpenländern. Die UNESCO hat sie 2011 als „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ ins Weltkulturerbe aufgenommen. Eine Fundstelle liegt in Bodman-Schachen. Ein jungsteinzeitliches Dorf (um 4900 – 4400 v. Chr.) ist bekannt sowie eine Siedlung um 2666 aus der Bronzezeit. Aus römischer Zeit ist in der Nähe, im Gewann „Auf Mauren“ am Ausgang des Dettelbachtales, ein römischer Gutshof, eine villa rustica mit Hypokaustheizung wohl aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts, nachweisbar. Die Gemarkung Bodman lag an der Westgrenze der römischen Provinz Raetia zur Provinz Germania superior.

Aus dem 6. und 7. Jahrhundert gibt es 44 Grabstellen, darum wird eine alemannische / alamannische Siedlung vermutet. Sprachforscher gehen davon aus, dass Alamannen zur Zeit der „Landnahme“ nach der römischen Zeit im 3. bis 5. Jahrhundert den Ortsnamen Bodman förderten. Das Wort könnte sich vom Althochdeutschen bodamo / bodam herleiten. Sie bedeuten „bei / auf dem Boden“. Oder das althochdeutsche bodamum (= bei den Böden) steht dahinter.

Der Überlingersee, vielleicht sogar der ganze See, wird vom Reichenauermönch und Schriftsteller Walafrid Strabo (808/809 bis 849) als lacus Potamicus und später als lacus Podamicus bezeichnet. Er löste den lateinischen Begriff lacus Brigantinus (Bregenzer See) ab. Wolfram von Eschenbach benutzte in seinem Roman Willehalm um 1220 den deutschen Namen „Bodemse“. Die Herren von Bodman aus der Region Überlingen werden Mitte des 12. Jahrhunderts mit diesem Familiennamen genannt. Sie amteten in Bodman als Statthalter des Pfalzgrafen und des Kaisers.

Alemannien wird karolingisch
Merowinger eroberten am Ende des 5. Jahrhunderts die Region Alemannien. Die Ostgoten überliessen 536 das Bodenseegebiet den Franken. Deren Könige gründeten Königshöfe als Stützpunkte, liessen jedoch alemannische Herzöge in Überlingen bis Mitte 8. Jahrhunderts mitregieren. Pippin der Jüngere – er regierte von 751 bis 768 und war Vater von Karl dem Grossen – organisierte die Regierung der Franken neu, indem er Kammerboten einsetzte, den Fiskus Bodman schuf und den Königshof zu einer Pfalz ausbauen liess. Von dieser fand man unterhalb der heutigen Pfarrkirche direkt am See Fundamente, die auf Ende des 8. Jahrhunderts / Anfang des 9. Jahrhunderts zurückgehen. In der „Pfalz beim Hof Bodman“ wurde 759 Otmar gefangengesetzt, bevor ihn die Kammerboten Warin und Ruthard auf die Insel Werd verbannten. Könige und Kaisern hielten sich hier auf und stellten Urkunden aus, so Ludwig der Fromme , Ludwig der Deutsche, Karl III. (der Dicke) und Urenkel von Karl dem Grossen, Ludwig das Kind und der Franke Konrad I. um 915. Die Bodmaner Pfalz wurde im 10. Jahrhundert von König Konrad geschleift oder durch Hunnen zerstört. Die Reichspolitik verlagerte sich nach Mitteldeutschland. So konnte das Kloster Reichenau ganz in der Nähe seinen Besitz auf dem Bodanrück dank damals üblichen Urkundenfälschungen erweitern. Und Kaiser Heinrich III. schenkte den Bodmaner Kirchenbezirk dem Bischof von Konstanz. 1155 bestätigte Kaiser Friedrich I. von Barbarossa dem Konstanzer Bischof einen Hof in Bodman mit Kirche (curtis in Podoma cum ecclesia). 1277 erwarb Johann von Bodman das, was von der Pfalz übrig geblieben war, von König Rudolf von Habsburg.

Namensgebung Bodensee zusammengefasst
Der römische Geograph Pomponius Mela nennt um das Jahr 43 n. Chr. den Lacus Venetus und den Lacus Acronius, die beide vom Rhein durchflossen werden. Man nimmt an, dass es sich um die Namen für den Obersee (nach dem rätischen Stamm der Vennoneten) und den Untersee handelt. Beide Namen kommen sonst in der antiken Literatur nicht mehr vor. Der Naturforscher Plinius der Ältere bezeichnet den gesamten Bodensee um 75 n. Chr. erstmals als Lacus Raetiae Brigantinus nach dem damaligen römischen Hauptort am See, Brigantium (Bregenz). Dieser Name ist mit hier ansässigen keltischen Brigantiern verbunden, wobei offen ist, ob der Ort nach dem Stamm hieß oder sich die Einwohner der Region nach ihrem Hauptort benannten. Bei Ammianus Marcellinus ist später die Form Lacus Brigantiae zu finden.

Der heutige deutsche Name „Bodensee“ leitet sich vom Ortsnamen Bodman ab und bedeutet damit „See bei Bodman“. Dieser am Westende des Überlinger Sees gelegene Ort hatte im Frühmittelalter große Bedeutung, da er erst ein alemannischer Herzogssitz und dann eine fränkische Königspfalz und überdies eine Münzstätte war. Erstmals bezeugt findet er sich als Bodungo (eine Fehlschreibung für Bodumo) 496/506 gemäss einer Kopie im 13./14. Jahrhundert nach einer Kopie um 700 – so geht Mittelalter). Weitere frühe Nennungen sind Bodomo (839) und Podoma (887). Dieser Ortsname geht auf das althochdeutsche bodam zurück, was als Gattungswort „Boden, Erdboden, Grundfläche“ und als Ortsname „tief gelegener Siedlungsplatz“ oder „Ort auf einer Ebene“ bedeutet. Der Name des Sees ist erstmals 840 in latinisierter Form als in Lacum Potamicum erwähnt, es folgen 890 (jüngere Kopie) ad lacum Podamicum, 902 und 905 prope lacum Potamicum und 1087 deutsch Bodinse, Bodemse. Als althochdeutsche Ursprungslautung ist Bodamsē beziehungsweise mit Zweiter Lautverschiebung Potamsē anzusetzen. Die Benennung nach der Königspfalz verdrängte im Mittelalter alle seit der Römerzeit für Teile des Bodensees bezeugten Namen. Der latinisierte Name wurde von klösterlichen Gelehrten wie Walahfrid Strabo (Reichenau, 9.Jahrhundert) fälschlich auf das griechische Wort potamos für „Fluss“ zurückgeführt und als Fluss-See gedeutet. Dabei mag auch der Gedanke an den Rhein, der den See durchfließt, eine Rolle gespielt haben. Der deutsche Name Bodensee wurde von zahlreichen anderen Sprachen besonders in Nord- und Osteuropa übernommen.

Nach dem Konzil von Konstanz 1414–1418 verbreitete sich im (katholisch-)romanischen Sprachraum der alternative Name Lacus Constantinus, eine schon 1187 als Lacus Constantiensis bezeugte Form, welche auf die am Ausfluss des Rheins aus dem Obersee liegende Stadt Konstanz Bezug nimmt. Diese verdankt ihren Namen – lateinisch Constantia – dem römischen Kaiser Constantius Chlorus (292–305 n. Chr.). Beispielhaft genannt seien französisch Lac de Constance und italienisch Lago di Costanza.

Sipplingen dürfte wohl für die meisten ein eher unbekannter Ort sein. Mir ging es auch so. Dabei können an der dortigen Uferzone im Lauf der Zeit an die zwanzig Pfahlbausiedlungen ausgemacht werden. Es handelt sich um den grössten Pfahlbaukomplex am Bodensee! Hier wird zudem das Trinkwasser der Bodensee-Wasserversorgung dem Bodensee entnommen und bis in den Raum Stuttgart geleitet. Es ist auch ein staatlich anerkannter Erholungsort.

Sipplingen ist die Fundstelle für steinzeit-, jungsteinzeit- und bronzezeitliche Pfahlbausiedlungen. Etwa 20 Siedlungen konnten nachgewiesen werden. Dendrochronologische Untersuchungen datieren die erste Siedlung auf exakt 3919 v. Chr. und die letzte auf 933 v. Chr. Zudem wurde 2008 von Taucharchäologen des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg vor Sipplingen in einer Flachwasserzone ein prähistorischer Schuh gefunden. Es handelt sich um eine sehr gut erhaltene, aus Lindenbast geflochtene Sandale, die zwischen 2917 und 2856 v. Chr. datiert ist. Das Dorf entstand vermutlich zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert. Erstmals schriftlich erwähnt wird der Ort in einer Urkunde aus dem Jahr 1155, in der Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) die Grenzen des Bistums Konstanz festlegte.

Überlingen ist bekannt für seine sehr schön gestaltete Uferpromenade. Gutgelaunte Menschen, Einheimische wie Tourist:innen, zirkulieren fast Tag und Nacht über sie. Ab Landungssteg fahren Schiffe in alle Richtungen weg, ausser nach Norden. Bei der aktuellen Sommerhitze im Jahr 2022 denkt wohl niemand an die letzte Eiszeit im Alpenraum. Die Würmeiszeit begann vor einhundertfünfzehntausend Jahren und endete vor 10‘000 Jahren, also gerade eben … Der dicke Rheingletscher bereitete die Becken für Bodensee, Überlingersee, Gnadensee, Zeller See und Untersee vor. Im Mittelalter – eigentlich ein komischer und falscher Begriff: Mitte von welchem Alter? – nutzten die Menschen von Überlingen die Lage ihres Ortes besonders als Schiffer. Sogar Gallus wird laut Legende hierher bemüht. In Iburinga, so ein alter Name für Überlingen, habe der alemannische Herzog Cunzo Gallus mehrmals gebeten, vom Arboner Forst nach Iburinga zu kommen, um seine Tochter von einem Dämon zu befreien. Das jedenfalls haben Schreiber dem Gallus zugeschrieben. Aufmerksame Leser:innen meiner Texte ahnen, dass es sich um eine invention of tradition handelt, um eine spätere Erfindung einer früheren Geschichte. Und tatsächlich: Überlingen wurde erstmals 770 oder 773 als Iburinga villa publica in einer Schenkungsurkunde des Grafen Robert an das Kloster Sankt Gallen erwähnt. In den in der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts entstandenen Viten des Gallus ist jedoch schon für das frühe 7. Jahrhundert, um 610, ein alemannischer Herzog namens Gunzo mit Sitz in Überlingen belegt. Der Legende nach soll er in einem Haus in der Oberstadt residiert haben, das deshalb den Namen Gunzoburg trägt. Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass hier eine alemannische Befestigung oder Burg stand, da in der Überlieferung kein fester Aufenthaltsort von Gallus genannt wird…

Als es jedoch darum ging, für die neue Kirche von Überlingen einen Patron zu wählen, setzte man nicht auf Gallus, sondern auf den heiligen Nikolaus. Dieser war der richtige Helfer für Fischer, Schifffahrer, Fährleute, Fuhrleute, Handelsleute und Getreidehändler. Denn in der Region lebte man vom Handel und von der Schifffahrt. Dafür war im Himmel Nikolaus zuständig. Ihm wurden einige Wunder am See und im See zugeeignet. Es gab also manche Gründe, Nikolaus von Myra die neue Kirche in Überlingen zu weihen. War er bereits Patron der Saalkirche im Jahr 1000? Jedenfalls für die Stadtpfarrkirche, erbaut ab 1350 und geweiht 1408, war er es. Mit Nikolaus als Stadt- und Kirchenpatron wuchs der Reichtum der Stadt. 1563 erhielt die Kirche als imposantes spätgotisches Nikolaus-Münster die heutige Gestalt, selbst wenn der zweite Turm nicht fertig gestellt ist. Es ist die grösste Kirche im Bodenseegebiet und zählt 5 Schiffe, das Geläut umfasst 8 Glocken. Weil sich die Klöster der Bodensee-Region im Frühmittelalter Schifffahrtsrechte auf dem See sicherten, kamen sie zu grossen Einnahmen. Äbte und Bischöfe empfahlen darum den Menschen, ihre Ortskirchen Nikolaus zu weihen, dem Helfer in Not. Bei vielen Häfen aus dem Mittelalter stehen Nikolaus-Kirchen und Nikolaus-Kapellen oder mindestens Hinweise auf Nikolaus von Myra, eine legendäre Figur.

Um 1180 verlieh Kaiser Friedrich Barbarossa dem Ort das Marktrecht, und 1211 wurde Überlingen das Stadtrecht verliehen. Nach dem Tod des Herzogs von Schwaben – von Konradin IV., dem letzten Staufer – fiel Überlingen 1268 an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Ende des 14. Jahrhunderts wurde die Stadt Reichsstadt.

Kloster und Schloss Salem: Ein Guntram von Adelsreute stiftete 1134 ein Kloster beim Ort Salemaneswilarwe zusammen mit einigen Ländereien. Drei Jahre später kam Abt Frowin mit 12 (!) Mönchen vom Kloster Lützel bei Basel in die Gegend hinter Überlingen. Papst Innozenz II. und Herzog Friedrich von Schwaben bestätigten 1140 die Stiftung.1142 zog Konrad II. nach. Das Kloster kam unter königlichen Schutz. Konrad III. erhob Salem zur Reichsabtei. Von 1138 bis 1802 funktionierte es als Zisterzienserkloster, einem Reformorden der Benediktiner. Die Mönche unterstellten sich dem weit entfernten Salzburger Erzbischof Eberhard II. Er gilt somit als zweiter Stifter. Der Trick dabei: das Kloster Salem entzog sich so dem unmittelbaren Zugriff durch den Bischof von Konstanz, der nur ein paar Kilometer nebenan residierte. Er wollte ebenfalls zu den Stiftern gehören. Unter den Staufern wurde Salem mit Privilegien stark gefördert. Es erlebte unter Abt Eberhard I. (1191 – 1240) eine Blütezeit, dieser förderte auch Zisterzienserinnen. Manche Konvente waren dem Kloster unterstellt. Eigentlich waren die Mönche der Armut verpflichtet. Auf ihren Feldern, Obstgärten, Weinbergen, Fischteichen und mit ihren Wäldern erwirtschaften sie zusammen mit den Laienbrüdern Überschüsse in grossen Mengen. Diese verkauften sie in ihren Stadthöfen, so in Konstanz, Überlingen und anderen Orten. Im Gut Maurach, 7 km entfernt direkt am Bodensee gelegen, entstand ein Hafen für die Güterschifffahrt. Da die Mönche ihren Ertrag nicht versteuern mussten, blieb ihnen Gewinn, den sie reinvestierten. Logisch, wollte der Bischof von Konstanz davon auch profitieren. Aber schon 1178 unterstellte Papst Alexander II. das Kloster direkt dem Heiligen Stuhl. Und Eberhard I. von Rohrdorf schloss ein bereits erwähntes Abkommen, das sein Kloster richtig reich machte. Im Gegenzug zur Unterstellung unter den Salzburger Erzbischof erhielt Salem eine Saline in Hallein samt dem Recht, das gewonnene Salz zollfrei zu transportieren. Salz galt damals als das „Gold der Zeit“. Der Salzhandel war eine Win-win-Situation für beide Eberhards, und die Zisterzienser kannten sich im Bergbau aus. Nach dem Niedergang der Staufer unterstützte Salem die Habsburger, wiederum ein Vorteil. In 150 Jahren gelangte das Kloster so zu wirtschaftlicher Macht. 1295 begannen die Mönche, eine grosse Klosterkirche nach neuestem Stil bauen zu lassen. Der Bau der gotischen Kirche dauerte aber bis 1425, dazwischen mussten Pestepidemien und Geldmangel überwunden werden. Die Kirchweihe erfolgte 1414 durch Erzbischof Eberhard III. von Salzburg, anwesend war auch König Sigismund auf seinem Weg an das Konstanzer Konzil. In dieser Zeit erholte sich Salem wirtschaftlich und konnte eine rege Bautätigkeit gestalten.

Fast 100 Jahre später begann eine neue Entwicklung: die Bauern der Gegend erhoben sich Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts gegen das Kloster, da es von ihnen zu viele Abgaben erhob – mehr als andere Klöster. Diese Auflehnung förderte auch die Reformation ab 1517. Eine Folge: von 109 Klöstern wurden in dieser Zeit 50 aufgelöst. Diese Entwicklung, mit Kriegen und Plünderungen verbunden, brachte auch Salem in Notlage. Im Dreissigjährigen Krieg (1618 – 1648) geriet es dann zwischen die Fronten. Und 1697 brannte der Grossteil der Konventsgebäude ab. Was nun? Die Mönche veräusserten alte Klosterschätze, die Abtei erhielt Steuererleichterungen, und so konnte Salem den berühmten Baumeister Franz Beer aus dem Bregenzerwald engagieren. Nach der Hochgotik zog der Frühbarock ein. Abt Anselm II. Schwab holte sich 1765/66 Inspiration in Paris und liess das Münster in französischem Stil umbauen, frühklassizistisch. Umbau, Umbau, Umbau – schon damals praktiziert. Rund um den Hochalter fanden sich 25 (!) Nebenaltäre, einen für jeden wichtigen Mann für Salem – wobei das Kloster eigentlich einer Frau geweiht war, Maria. Was Anselm nicht erreichte: er wurde nicht in den Reichsfürstenstand erhoben.

Betrachter:innen sehen die Kirchengestaltung, wie sie 1795 aussah. Denn im Jahr 1802 war die fast 700-jährige klösterliche Zeit aus und vorbei. Napoléon beendete mit der Säkularisation eine lange Epoche. Die Markgrafen von Baden übernahmen Salem und nannten die Anlage Schloss Salem. 1902 zog ein privates Eliteinternat in die Gemäuer ein. Und seit 2009 gehört das Schloss dem Land Baden-Württemberg. Der Markgraf wohnt noch immer hier. Jetzt können Tourist:innen auf interessanten Führungen Kirche sowie Prälatur besichtigen und sich ihre Gedanken zum Lauf der Zeit machen. Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. Kloster und Schloss Salem heute – ein architektonisch-spiritueller Gemischtwarenladen.

Wallfahrtskirche Birnau: Die Wallfahrtskirche Birnau ist ohne Kloster Salem nicht denkbar. Denn sie stammt aus den letzten Zuckungen des Klosters. Erbaut wurde sie als Neu-Birnau mitten in Rebbergen über dem Ufer des Überlingersees zwischen 1746 und 1750, geweiht Maria. Abt in Salem war Anselm II. Schwab (1713 – 1778). Baustil der Kirche: Rokoko, ein Barockjuwel. Baumeister: Peter Thumb – Bildhauer: Josef Anton Feuchtmayer – Stukkator: Johann Georg Dirr – Maler: Gottfried Bernhard Götz, Kaiserlicher Hofmaler. Die besten der besten. Offiziell nennt sich die Birnau: Wallfahrtskirche Kloster Birnau, Zisterzienser Priorat. Die Lage der Birnau ist sensationell. Es gibt Leute, die den Kirchturm von 51 m Höhe mit einem (spirituellen) Leuchtturm vergleichen.

Die Wallfahrtskirche Alt-Birnau stand etwas weiter weg bei Nussdorf, vor Überlingen. Vielleicht gab es dort im 9. Jahrhundert ursprünglich eine kleine Kapelle für Pilger:innen (ad pirningas). Belegt ist, dass Salem dort ab 1241 ein Grundstück besass, auf dem eine Marienkapelle gebaut war. Diese wurde mit der Zeit baufällig. Der damalige Abt wollte 1741 um die Kapelle herum eine neue Kirche bauen. Weil Salem mit Überlingen aber im Streit lag wegen Lärmbelästigung aus der nahen Wirtschaft, beschlossen die Mönche, auf eigenem Territorium beim Gut Murbach die neue Kirche zu errichten.

Von Kloster und Schloss Salem führt der Prälatenweg mit 7 km Länge direkt zur Wallfahrtskirche und zum Gut Maurach unten am See. Es ist ein ehemaliger Wirtschaftshof und die Schiffanlegestelle für das Kloster. Der Prälatenweg war zu Klosterzeiten gut ausgebaut und mit Gespannen befahrbar. Da wurden manche Güter hin und her bewegt. Rosmarie und ich sind ihn über Feld und durch Wald zu Fuss gegangen – und wurden vor dem südlichen Portal von Maria begrüsst.

Es ist nicht übertrieben: in der Rokokokirche scheint der Himmel durch! Ein Höhepunkt der sakralen Architektur am Bodensee. Der Kirchenraum ist kunstvoll inszeniert. Auf dem Hochaltar leuchtet das kleine Alt-Birnauer Gnadenbild der Maria golden / im Sonnenlicht (um 1420 geschaffen). An der Decke öffnet sich ein Himmel nach dem anderen. Und der berühmteste Engel vom Bodensee schleckt Honig: der Birnauer Honigschlecker. Er begleitet Bernhard von Clairvaux, 1153 gestorben und vorher Gründer der Zisterzienserabtei von Clairvaux. Dieser gilt als berühmter, wortgewandter Prediger, der u. a. als „Kriegsgurgel“ zum ersten Kreuzzug aufrief. Dennoch – oder gerade deswegen? – wurde er „vom System“ heiliggesprochen (Bernhard lässt Kyrill II. grüssen…). Die ganze Geschichte von Salem ist in der Birnau ins Bild gesetzt, biblische Figuren sowie Pilger:innen (ad pirningas). Sieben Altäre umfasst der Innenraum. Kein Zufall. Die sieben Altäre – jeder mit einer besonderen Bedeutung – symbolisieren die sieben Hauptkirchen in Rom. Wer sie abschreitet, erhielt / erhält einen Ablass.

Meersburg liegt am Nordufer des Bodensees, am Übergang zum Überlingersee. Der Blick geht von hier nicht bloss bis Konstanz, sondern bei guter Sicht zum Panorama von Alpengipfeln. Diese Lage zieht Tourist:innen in grossen Mengen an. Dazu kommen die reizvolle Altstadt sowie barocke Architektur. Fast könnte man meinen, ein Fürstbischof käme mit seinem Gefolge plötzlich aus einer der prächtigen Türen heraus. Obwohl diese Zeiten längst vorbei sind, prägen sie die Stadt bis heute. Denn den Konstanzer Fürstbischöfen verdankt die Stadt das spezielle Aussehen. Es wirkt als Gesamtensemble, verwöhnt die Augen. Vier auffällige Bauten ziehen die Blicke magisch an: die alte Meersburg auf dem steil abfallenden Molassefelsen – das ehemalige Priesterseminar – der ehemalige Reithof (Marstall) – und in der Mitte das dominierende Neue Schloss. Darum herum zeigen die Bauten der Altstadt oben wie unten am See ein mittelalterlich-barockes Städtchen. Meersburg gehörte zum weltlichen Hochstift des Fürstbistums Konstanz. Dazu zählten u. a. die Obervogteien Arbon, Bischofszell, Gottlieben und Güttingen auf dem Gebiet der Alten Eidgenossenschaft.

Erstmals bestätigte eine Urkunde Kaiser Friedrichs I. im Jahr 1155 Besitztümer des Konstanzer Hochstifts. Erst 650 Jahre später ging die Epoche der Fürstbistümer und Fürstbischöfe im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 1803 zu Ende. Auf dem Reichstag zu Regensburg wurden alle Geistlichen Staaten aufgehoben und die Fürstbischöfe mit grosszügigen Pensionen abgefunden. Das betraf auch den Fürstbischof des Bistums Basel und die Sankt Galler Fürstabtei.

Schon in der Stauferzeit (11. bis 13. Jahrhundert) benutzen die Fürstbischöfe das „Alte Schloss“ in Meersburg als zeitweiliger Residenz. Als erster Fürstbischof zügelte Hugo von Hohenlandenberg, geboren 1457 im Tösstal oder auf Schloss Hegi bei Winterthur, im Jahr 1526 mit seinem Gefolge nach Meersburg. Die bisherige Residenzstadt Konstanz – sie gehörte als Freie Reichsstadt nicht zum Hochstift – schloss sich in der Reformation dem protestantischen Glauben an und behinderte die Arbeit des Fürstbischofs. Das Bistum Konstanz bestand schon seit Ende des 6. Jahrhunderts und war kirchlich gesehen die grösste Kirchenprovinz im Heiligen Römischen Reich mit rund 900’000 Mitgliedern in seiner Hochblüte. Weltlich betrachtet war das Hochstift viel kleiner, erwähnt werden ca. 15’00 Untertanen. Der Einfluss der Bischöfe als Fürsten sank bis ins 18. Jahrhundert wegen der Reformation und wegen Regionen, die auf Eigenständigkeit pochten inklusive eidgenössischen Orten. Denn es gelang den Konstanzer Bischöfen nicht, im Laufe des  Mittelalters eine weltliche Hoheit über ein geschlossenes Territorium aufzubauen. Warum? Der Bischofssitz Konstanz stand in Konkurrenz zu zwei bedeutenden Abteien mit viel Grundbesitz und Einfluss, jener auf der Reichenau und jener von Sankt Gallen im Arboner Forst. Auch das nahe Kloster Salem entzog sich dem Bischof von Konstanz, indem es sich dem Erzbistum Salzburg unterstellte und im Gegenzug dank einer geschenkten Saline in Hallein mit Salzhandel sehr reich werden konnte.

Ab 1704 verfolgte Fürstbischof Franz von Stauffenberg (im Amt 1704 – 1740) das Vorhaben, die Residenz von Meersburg wieder nach Konstanz zu verlegen. Der Konstanzer Stadtrat lehnte Ausbauvorhaben aber ab. So entschied sich der Bischof, in Meersburg neu zu bauen. Doch erst 1762 konnte der Fürstbischof Kardinal Franz Conrad von Rodt in das neue Schloss einziehen.

Bis 1802 behielt Meersburg zentrale Verwaltungsfunktionen und faktisch seine Rolle als Resident der Fürstbischöfe. Konstanz blieb Sitz des kirchlichen Bistums. Schon 1548, nach der Rekatholisierung der Stadt, kehrte der Bischof offiziell wieder nach Konstanz zurück. Erst 1827 wurde das Bistum aufgelöst. So müssen in der Geschichtsschreibung ständig zwei Gleise gefahren werden. Die Tourist:innen in Meersburg dürfte das Doppelgesicht wohl nicht kümmern.

Wie ging es nach der Säkularisation 1803 in Meersburg weiter? Während der Napoleonischen Kriege nahmen französische Offiziere den Neue Schloss in Besitz. Es wurde als Exilresidenz für den schwedischen König Gustav IV. eingerichtet, er bezog es nicht. 1839 kam das Badische Lehrerseminar ins Priesterseminar. Von 1865 bis 1935 wurde das neue Schloss als Badische Taubstummenanstalt gebraucht. Und 1955 kam das Neue Schloss an das Land Baden-Württemberg. Von 2010 bis 2012 liefen umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten. Nun erfreuen sich täglich Tausende von Menschen an barocken Kunstwerken und Gebäuden – und blicken über den Bodensee bis zu Säntis und Hochalpen.

Friedrichshafen liegt Arbon gegenüber, dazwischen der Bodensee, ein See ohne offizielle Grenzlinien. Von der Terrasse meines Elternhauses konnte ich gemütlich hinüberschauen ans deutsche Ufer. Trotzdem besuchten wir als Kinder die Nachbarstadt nicht. Bekannt waren uns hingegen schaurige Erzählungen über mehrere Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Sie zerstörten weite Teile der Stadt, weil in ihr deutsches Kriegsmaterial hergestellt wurde. Als junger Erwachsener benutzte ich die Auto-, Velo- und Personenfähre, um von Romanshorn die 13 Kilometer Distanz rasch zu überbrücken. So konnten wir in Süddeutschland herumzukurven. Friedrichshafen – terra incognita. Einer der Gründe für meine Wanderung um den Bodensee im Jahr 2022 ist die Möglichkeit, zu Fuss dem deutschen Bodenseeufer entlang Landschaften, Städte und Orte zu besuchen, die ich nicht oder nur ein wenig kenne, obwohl ich an diesem See aufwuchs. Jetzt erfahre ich, dass es Friedrichshafen erst seit 1811 gibt. Entstanden ist die Stadt aus der Fusion des früheren Reichsstädtchens Buchhorn mit dem Klosterdorf Hofen. Um 980 bauten die Grafen von Buchhorn eine kleine Kapelle, die sie dem Apostel Andreas weihten. Um 1080 soll die Gräfin Bertha, Frau des Grafen Otto, ein Frauenkloster zu Ehren des Pantaleon gestiftet haben, als Ort für ihre spätere Grablegung. Daraus entstand das Benediktinerinnenkloster Hofen, das 1245 erstmals in einer Urkunde erwähnt wird. Als die Grafen von Buchhorn ausstarben, übernahmen die Welfen 1090 das Kloster. Ab 1101 kam es in den Besitz ihres Hausklosters in Weingarten. Es wurde aber 1419 aufgehoben. Nach einem grossen Brand 1634 von Pantaleons- und Andreaskirche im Dreissigjährigen Krieg (1618 – 1648) liessen Äbte von Weingarten das Kloster in barockem Stil neu aufbauen, und ab 1702 lebte klösterliches Leben mit 12 Brüdern wieder auf. Um 1805 kam es nach der Säkularisation an das Königreich Württemberg. Seit 1812 galt ein neuer Name: Schloss Friedrichshafen, die Kirche hiess Schlosskirche. Sie dient der evangelischen Gemeinde als Gotteshaus. Die Protestanten durften sich übrigens erst ab 1812 in der Gegend ansiedeln, seit 1595 war es ihnen verboten.

Von Friedrichshafen bekannt sind wohl die Zeppelin Luftschiffe. Das erste hob 1900 ab. Seit 2001 kann man mit der neuen Generation mitfliegen. Es gibt den Zeppelin Hangar mit Werft, es gibt das Zeppelin Museum am Hafen, ein Zeppelindorf mit Schauhaus und das Kultur- und Kongress-Zentrum Graf-Zeppelin-Haus und natürlich eine Skulptur an der Seepromenade von Graf Zeppelin. Sportlich bekannt ist der VfB Friedrichshafen, mehrfacher Deutscher Meister im Volleyball. Die meisten Leute findet man auf der Uferpromenade. Sie gilt als eine der längsten und schönsten am Bodensee. Verdursten wird hier niemand. Wer über Friedrichshafen hinausschauen will, steigt auf den 22 m hohen Aussichtsturm an der Hafenmole. Oben würdet eine Panoramatafel die gegenüberliegenden Berggipfel anzeigen (wegen schlechter Sicht war ich nicht dort oben…).

Zum Schluss noch ein Hinweis auf eine Kirche: die Nikolauskirche im Stadtzentrum. Erstmals erwähnt sie 1325 als Kapelle. 1944 wurde sie von Luftangriffen zerstört, aber schon 1946 – 1949 wieder aufgebaut. Vor wenigen Jahren erfuhr der Innenraum eine Neugestaltung. Nikolaus ist ein oft genutzter Patron von Kirchen am Bodensee (siehe Anmerkungen unter Überlingen).

Langenargen besuchte ich ein erstes Mal am 1. März 1963. Als 11-jähriger kam ich zu Fuss hierher, aber nicht auf dem Bodensee-Rundweg – sondern direkt über den See. Ein Wunder der Natur – die Seegfrörni – ermöglichte die Wanderung. An die anhaltende Kälte im Jahr 1963 erinnere ich nicht mehr, aber an die langen Kolonnen von Menschen, die Anfang März von Arbon und von anderen Orten aus gut gelaunt, ja ziemlich erstaunt über den See spazierten, auf Schlittschuhen darüber glitten oder sogar mit Autos das Eis befuhren: Volksfeststimmung.

Langenargen liegt in der Mitte des deutschen Bodenseeufers und erstreckt sich zwischen dem Fluss Schussen im Westen und dem (langen) Fluss Argen im Osten. Wahrzeichen ist das auf einer Landzunge im See gelegene Schloss Montfort, im 14. Jahrhundert durch die Grafen von Montfort als Burganlage errichtet. Nach wechselhafter Geschichte erfolgte zwischen 1861 und 1866 der Bau des heutigen Schlosses durch König Wilhelm I. von Württemberg und durch seinen Thronfolger Karl. Das im maurischen Stil erbaute Schloss diente in der Folgezeit als Sommerresidenz von Prinzessin Luise von Preussen. Mit ihrem Hofstaat verbrachte sie die Sommermonate während 30 Jahren hier. Heute befindet sich Schloss Montfort im Eigentum der Gemeinde Langenargen. Es gibt im Schloss ein Restaurant-Café mit Sonnenterrasse sowie Räumlichkeiten für Hochzeiten, Tagungen, Kongresse und Firmenveranstaltungen von 10 bis 300 Personen.

Lindau gäbe es mit diesem Namen nicht, wenn es das Kloster Sankt Gallen nicht gegeben hätte. Eine steile These. Dennoch trifft sie historisch den Nagel auf den Kopf. Ein Mönch aus Sankt Gallen, Name mir unbekannt, stellte im Jahr 882 eine Urkunde aus über „die Insel, auf der Lindenbäume wachsen“. Die Linde ist bis heute im Wappen der Stadt abgebildet. Und Lindavia, mit einem Lindenzweig in der Hand, gilt als Stadtgöttin, als Beschützerin. Die Stadt, sie gehört zum Freistaat Bayern, zählt rund 25’000 Bewohner:innen, davon leben 3’000 auf der Insel. Wenn Tourist:innen kommen, schnellen die Zahlen deutlich in die Höhe. Und einmal pro Jahr reisen im Sommer Nobelpreisträger:innen zum fachlichen Austausch an. Seit 1951 treffen sie sich mit Nachwuchswissenschaftl:innen aus den Bereichen Medizin, Chemie, Physik und Wirtschaftswissenschaften. Der Nobelpreisträger:innensteg am See erinnert mit ausgeschnittenen Namen an berühmte Personen, die auf der Insel zu Besuch waren.

Im 9. Jahrhundert standen auf der Insel nur wenige Fischerhäuser auf dem Gebiet der heutigen Peterskirche. Sie ist eines der ältesten Gebäude am Bodensee und stammt wohl aus dem 11. Jahrhundert, wobei ein Vorgängerbau aus Holz, eine kleine Kapelle, um einiges älter sein dürfte (Fischer und Petrus sind eine stimmige Kombination). Zudem soll um 810 von einem Grafen als Dank für seine Rettung aus Seenot ein adliges Frauenkloster gestiftet worden sein. Bald wurde aus dem Benediktinerinnen-Kloster ein Kanonissenstift, ein reichsfürstliches, freiweltliches Frauenstift, ab 1466 mit einer Fürstäbtissin an der Spitze. Es gründete 950 einen Markt auf dem Festland, im heutigen Stadtteil Aeschbach. Hier trafen mit der Ost-/West- und der Nord-/Süd-Verbindung zwei Strassen aufeinander, und der Markt lag in der Nähe der Mündung des Alpenrheins in den Bodensee. Via Rheintal hatte man Zugang zu den Bündner Pässen, die nach Oberitalien führten. 1079 musste der Markt wegen kriegerischer Zeitläufe auf die Insel verlegt werden. So entstand zwischen Stift und Fischerdorf eine Kaufmannssiedlung.

Um 1180 wurde die Pfarrkirche St. Stephan erbaut. Dafür zogen rund um die Peterskirche Beginen ein. Im Jahr 1224 gründeten Franziskaner ein Männerkloster. Wahrscheinlich ab dem 14. Jahrhundert verband eine Brücke die Insel mit dem Festland Die Stadt blühte auf, weil sie sowohl vom transalpinen Handel profitierte als auch durch den Transport von Massengütern wie Salz, Getreide und Holz über den See. Die Marktsiedlung löste sich u.a. dank königlicher Privilegien nach und nach von der Abhängigkeit des Stiftes. Lindau erreichte 1274/1275 den Status einer freien Reichsstadt unter König Rudolf von Habsburg. Unter Maximilian I. fand 1496 fand sogar ein Reichstag in Lindau statt.

Exkurs zu Maximilian I.: Maximilian I. aus dem Geschlecht der Habsburger war durch Heirat ab 1477 Herzog von Burgund, ab 1486 römisch-deutscher König, ab 1493 Herr der Habsburgischen Erblande und vom 4. Februar 1508 bis zu seinem Tod 1519 in Wels römisch-deutscher Kaiser – welch eine Karriere! Er gilt als „der letzte Ritter“ und legte den Grundstein zum Aufstieg der Habsburger als europäische Grossmacht. Im Verhältnis zur Eidgenossenschaft ist anzumerken, dass für Maximilian die militärische Bedeutung der Eidgenossen als Söldnerreservoir im Kampf gegen Frankreich wichtig war, zunächst um das burgundische Erbe seiner ersten Frau Maria zu sichern, dann um die Hegemonie in Europa zu erreichen. Demgegenüber traten alte Feindbilder zurück. Der Kampf Maximilians als Erzherzog von Österreich (nicht als König!) gegen die Eidgenossen im Schwabenkrieg oder Schweizerkrieg 1499, in dem antieidgenössische Ressentiments propagandistisch instrumentalisiert wurden, blieb singuläre Eskalation. Mit der Erbeinung 1511, die den territorialen Status quo festschrieb, stellte Maximilian das Verhältnis zwischen Habsburg-Burgund und der Eidgenossenschaft endgültig auf eine gutnachbarliche Grundlage (Ewige Richtung).

Zurück nach Lindau im Bodensee: In den 1520er Jahren schloss sich Lindau der Reformation an. Der katholische Kaiser konnte dies nicht abwenden. Dadurch vertiefte sich die Kluft zwischen Stadt und Stift. Ein grosser Stadtbrand zerstörte im September 1728 auch Kirche und Konvent der Fürstabtei. Weil die neu eintretende Witwe Theresa Wilhelmina Gräfin zu Polheim viel Geld mitbrachte, konnte der Neubau der Kirche begonnen werden. Und Theresa wurde gleich zur neuen Fürstäbtissin gewählt.

Den Status als Freie Reichsstadt verlor Lindau – wie viele andere Städte – während der Französischen Revolution ab 1798. 1802 gingen Stadt und Stift an den Fürsten von Bretzenheim über, an den Bruder der vorletzten Fürstäbtissin. Schon 1804 trat er Lindau im Tausch gegen ungarische Ländereien an Österreich ab. Und 1806 wurde die Inselstadt ins Königreich Bayern eingegliedert. Dadurch zogen viele Katholiken in die Gegend, um 1900 war Lindau mehrheitlich katholisch. 1853/54 schloss Bayern Lindau an das Eisenbahnnetz an. Die Eisenbahn förderte Getreidehandel und Tourismus, zwei wichtige wirtschaftliche Säulen. 1856 konnte der neue Seehafen direkt beim Bahnhof fertig gestellt werden. Zum neuen Wahrzeichen der Stadt wurden der imposante Neue Leuchtturm sowie der Bayerische Löwe an der Hafeneinfahrt.

Rundfahrt zu 14 Inseln im Bodensee
Wie viele Inseln gibt es im Bodensee? Spontan antworte ich mit der Zahl 4, korrigiere mich nach kurzem Nachdenken auf 5. Nun merke ich beim Recherchieren, dass ich von den Bodensee-Inseln fast keine Ahnung habe. Meine Aufzählung betrifft nur die 5 bewohnten Inseln. Drei davon haben wir auf unserer Wanderung um den See besucht – nachzulesen in dieser Rubrik:

  • die Klosterinsel Werd bei Eschenz (mit 9 Personen)
  • die Gemüseinsel Reichenau (3200 Personen) mit ihrem UNESCO-Welterbe
  • die Stadtinsel Lindau (3000 Personen)
  • Eine haben wir knapp um 4 Meter verfehlt: die Dominikanerinsel (21 Personen) vor Konstanz. Früher befand sich hier das Dominikanerkloster, heute steht das feudale Insel-Hotel darauf. Bloss ein schmaler Streifen Wasser trennt die Insel von der Stadt.
  • Die berühmte und von Tourist:innen überflutete Blumeninsel Mainau (185 Personen) liessen wir zwar rechts liegen, im Blickfeld nach Süden war sie zwischen Überlingen und Meersburg aber ständig.

Zusätzlich existieren 9 unbewohnte Inseln. Ausserdem sind 2 Inseln im Lauf der Zeit zu Halbinseln geworden: Wasserburg seit 1720 – die Galgeninsel bei Lindau seit dem 19. Jahrhundert. Die Insel Tegerstein bei Lindau ist im 19. Jahrhundert verschwunden.

Neun von Menschen unbewohnte Inseln als Naturschutzgebiete

  • Zwei Vogelinseln, eine grössere und eine kleine, liegen nah beieinander vor Immenstaad und sind, wie es der Name andeutet, Vogelschutz- und
    Naturschutzgebiete.
  • Die Insel Hoy vor Lindau ist mit 53 Quadratmetern die kleinste Insel im See. Geschaffen wurde sie vom Besitzer der Villa Seeheim, um sie als Badeinsel zu nutzen. Heute ist sie mit Weide bepflanztes Naturschutzgebiet. Bei niedrigem Wasserstand lässt sich die Insel zu Fuß erreichen.
  • Bei Konstanz liegt die viertgrösste Insel im Bodensee: Triboltingerbohl oder Langenrain. Sie gehört zum Naturschutzgebiet und ist eine Vogelschutzinsel.
  • Die Mittler oder Langbohl Insel befindet sich zwischen dem Festland und Triboltingerbohl. Die beiden sind durch einen 30-50 m breiten Kanal getrennt.
  • Die Inselgruppe Werd bei Eschenz besteht aus 3 Teilen. Die grösste Insel wird von Franziskanern bewohnt. Die zwei kleineren Inseln Mittleres Werdli und Unteres Werdli gehören zu einem Vogel- und Naturschutzgebiet.
  • Die Liebesinsel vor Radolfszell wurde im Heimatfilm Die Fischerin vom Bodensee (1956 – Musik: Ralph Siegel) als Drehort für eine Liebesszene genutzt. Heute steht sie unter Naturschutz.
  • Vor Kreuzlingen wurde bei der Hafensanierung eine Insel künstlich aufgeschüttet und als Wollschwein-Insel benannt, auf Thurgauer Deutsch als Wulesaue-Insel. Sie wird als Weidefläche genutzt. Seit 1986 wühlen Wollschweine im Winter den Boden auf. Im Sommer weiden Hochlandrinder und Wasserbüffel. Beide halten die Vegetation zurück.

Bregenz: An den Römern ist am Bodensee kein Vorbeikommen. Um 15 vor Christus eroberten sie bekanntlich den Alpenraum. Auch die Region von Bregenz passte ihnen, um eine städtische Siedlung zu errichten. Ihr Name: Brigantium. Hier verehrten die Romanen den Gott Merkur und die Alemannen oder Alamannen ab ca. 230 den Gott Wodan oder Wotan. Die alte Siedlung am Ostufer des Bodensees war verkehrstechnisch gut gelegen. Da spielten auch Pferde eine wichtige Rolle. Die Pferde-Göttin Epona zeugt davon. Brigantium spürte bald christlichen Einfluss, der ab 390 staatlich verordnet wurde. Eine Aurelia gilt gemäss Legende als erste namentlich bekannte Christin am Bodensee. Ihrem Namen zugeordnet wurde wohl im 5. Jahrhundert eine erste romanische Kirche erbaut. Am gleichen Ort steht heute die Gallus-Kirche. Auch am Duo Kolumban und Gallus ist in Bregenz und am Bodensee kein Vorbeikommen. Zahlreich sind die Legenden über sie. So soll Gallus um 610 in der Region und am Zürichsee aggressiv missionierte haben, in guter Propagandamanier mehr als 200 Jahre später beschrieben von den Mönchen Wetti und Walahfrid Strabo 839 auf der Klosterinsel Reichenau. Kolumban – eine grosse Statue von ihm steht zum Beispiel in Luxeuil-les-Bains am Rand der Vogesen – musste nach dem Tod von König Theudebert II. von Burgund aus Luxeuil fliehen. Er übte offenbar zu viel Kritik an den Mächtigen. Er floh Richtung Rätien und dann an den Bodensee. Selbst der kranke Gallus bekam am Bodensee grossen Streit mit Kolumban und soll von Bregenz nach Arbon zur Pflege gefahren und gleich dort geblieben sein. Arbon wies eine gemischte Bevölkerung auf: Romanen, alemannische Germanen, alemannischen Franken, eine christliche Gemeinde. Das und viel mehr erzählen heldenhafte Gallus-Geschichten sehr plastisch – wie wenn die Autoren dabei gewesen wären. Klar, dass es in Bregenz auf dem Hügel im Stadtteil Dorf bei der Gallus-Kirche nahe beieinander eine Kolumbanstrasse, eine Gallusstrasse und eine Kirchstrasse gibt. Kolumban selber zog nach Italien, gründete nach Luxeuil und weiteren Klöstern noch das Kloster Bobbio und starb dort 615.

Ende des 11. Jahrhunderts wird mit der Galluskirche die älteste Pfarrkirche des Vorarlberger Unterlandes urkundlich erstmals erwähnt im Zusammenhang mit dem Zisterzienserkloster Mehrerau. Erweiterungsbauten sind bekannt von 1380 und, nach einem Brand, von 1480. Ein Umbau im barocken Stil nach Plänen von Franz Anton Beer erfolgte ab 1737. In der linken Seitenkapelle steht mit dem Silberaltar eines der bedeutendsten barocken Kunstwerke Vorarlberg. Alle wichtigen Figuren der Region sind darauf abgebildet – auch Bischof Gebhard II. von Konstanz. Er stammt aus der Gegend. Gebhard ist um 940 hier geboren und wurde 979 in Konstanz mit Hilfe von Kaiser Otto II. zum Bischof geweiht und liess u.a. das Kloster Petershausen bauen. Auf dem Gebhardsberg (598 m ü. M.) zwischen der Stadt und dem Pfänder befindet sich eine Wallfahrtskirche zu Gebhard, erbaut 1723 neben der hochmittelalterlichen Ruine der Burg Hohenbregenz. Die erste Burg dort oben bauten die Grafen von Bregenz 1097. Aber schon die Römer errichteten bei dieser tollen Aus- und Übersicht einen Wachturm.

Im Gallusstift hingegen befindet sich, kultürlich, die Landesbibliothek von Vorarlberg, obwohl von Gallus selber nichts Schriftliches überliefert ist. Ist ja selbstredend gar nicht möglich.

Der Pfänder (1064 m): Der Hügel über Bregenz ist der Hausberg meiner Kindheit. Vom Treppenhaus unseres Elternhauses sah ich zwischen dem dritten und dem zweiten Stock direkt auf den Pfänder mit seiner Antenne. Dessen Ansicht ist mir noch heute vertraut. Klar, dass ich den Pfänder auf meiner Bodensee-Wanderung besteige und nach Arbon zurückblicke.

Rund 240 Alpengipfel sind bei schönem Wetter zu sehen, dazu der Bodensee in seiner Grösse. Sowohl ein fotografisches Seepanorama wie auch live das 360-Grad-Panorama auf dem obersten Dach der Bergstation sind eindrücklich. Für Tierfreunde interessant ist der Alpenwildpark mit einem Rundweg von 30 min und freiem Eintritt.

Kurz zum Sender auf dem Pfänder: als Antennenträger kommt ein zwischen 1955 und 1957 errichteter 94,7 m hoher Stahlrohrmast zum Einsatz. Dieser ist von einer 43,5 m hohen Stahlfachwerkkonstruktion umgeben, die drei Plattformen für Richtfunkantennen in 21,6, 29,6 und 36,3 m Höhe besitzt. Sie strahlen weit in die Bodensee-Landschaft hinaus.

Zisterzienserkloster Wettingen-Mehrerau bei Bregenz: Die Familie des Grafen Ulrich X. gründete das Kloster in der Au am See „Mehrerau“ in Bregenz als Benediktinerkloster im Jahr 1095, nachdem der Versuch in Andelsbuch im Bregenzer Wald fehlschlug. Der Graf liess es mit Mönchen des Klosters Petershausen (von Gebhard gegründet) bei Konstanz im Sinn der Hirsauer Reform besiedeln. Für die Menschen rund um Bregenz war die Klostergründung ein Segen. Für die Verbreitung des christlichen Glaubens bauten die Mönche Kirchen und Siedlungen. Sie rodeten Wälder, kultivierten Land und machten es fruchtbar. Die Gegend florierte und wurde zu einem wichtigen Standort am Bodensee.Den ersten Schicksalsschlag erlitt das Kloster 1405, als es im Appenzellerkrieg geplündert und teilweise zerstört wurde. Doch die Mönche bauten es wieder auf und fanden neue Wege der Bewirtschaftung. Sie liessen Grosshöfe entstehen, die Mönche wurden zu Lehrmeistern. Eine Schule in Lingenau entstand. Zahlreiche Schenkungen von Grafen, aber auch von Laien und Mönchen, bescherten dem Kloster im 15. Jahrhundert den Höchststand an Grundstücken in Vorarlberg, Deutschland und der Schweiz. Am 1. August 1806 löste das königlich bayrische Aufhebungsedikt den Konvent auf. Der Kirchturm wurde gesprengt, die Kirche geschliffen. Alles, was man gebrauchen konnte, wurde verkauft. Steine von Kirche und Kirchturm verwendete man für den Bau des Lindauer Hafens.Das zerstörte und verlassene Kloster Mehrerau kauften 1854 Schweizer Zisterzienser. Aufgrund politischer Wirren wurden sie von liberalen Mächten aus ihrem Kloster Wettingen im Kanton Aargau vertrieben. Ihr Weg führte sie über Werthenstein und Bounas an den Bodensee. Für den Wettinger Abt Leopold Höchle und seine Mönche musste es überwältigend gewesen sein, als sie die Grenze bei St. Margrethen/Höchst überschritten. Denn ein Festzug aus Bregenzern begleitete sie zur neuen Heimstatt. Es gab ein Freudenfest. Zudem brachten die Wettinger Mönche das vom Vatikan verliehene Recht der Teritorialabtei in die Mehrerau mit. Denn 1439 verliehen die Konzilsväter von Basel Abt Rudolf Wülfflinger und seinen Nachfolgern dieses Recht der Selbstständigkeit. Es ist direkt dem Papst unterstellt.

Walzenhausen liegt auf einer Terrasse hoch über Bodensee und Rheintal, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft des Appenzeller Vorderlandes. Das Dorf ist ein Luftkurort. Das Gebiet der heutigen Gemeinde Walzenhausen – ursprünglich Unter Hirschberg genannt – gehörte zum Hof Höchst-St. Margrethen. Nach den Appenzeller Kriegen (1401–1429) betrachteten sich die Leute am Unter Hirschberg als freie Appenzeller und wurden Teil der appenzellischen Rhode Trogen. Die Ablösung vom Hof Höchst zog sich aber bis ins 16. Jahrhundert hinein. Im Zuge der Reformation traten die meisten Bewohner von Unter Hirschberg zum neuen, reformierten Glauben über. Konflikte um die paritätische Kirche St. Margrethen, wohin die Unter Hirschberger kirchgenössig waren, führten zum Bau einer eigenen reformierten Kirche im Weiler Walzenhausen, der 1320 urkundlich erstmals erwähnt ist. Gleichzeitig mit dem Kirchenbau konstituierte sich die Gemeinde Walzenhausen als politische Einheit.

Heiden kennt 1’000 Jahren Geschichte. Das Gebiet der späteren Gemeinden Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg gehörte ursprünglich zum Hof Thal SG, der ein Lehen des Bistums Konstanz war und seit dem 12. Jahrhundert „Vogtei Rheineck“ genannt wurde. Im Gefolge der Appenzeller Freiheitskriege zu Beginn des 15. Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, während der sich das Gebiet der späteren Gemeinden Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg vom Verband des Hofes Thal löste. Dieses Gebiet („die Leute vom Berg“) bildet seither den östlichen Teil des Landes Appenzell, den Kurzenberg. Erste urkundliche Nennungen des Namens Heiden – Heiden abgeleitet von Heide ( = bebautes Land) – erschienen 1512, 1536 und 1540. Das Gebiet der heutigen Gemeinde Heiden wurde aber schon im 14. und 15. Jahrhundert urbar gemacht. Der Kurzenberg war entsprechend seiner ursprünglichen politischen Zugehörigkeit nach Thal kirchgenössig. 1529 nahm das Gebiet die Reformation an. 1652 lösten sich Heiden und Wolfhalden wegen des langen Kirchweges von der Mutterkirche Thal und bauten eigene Kirchen. Damit zerfiel der Kurzenberg in drei selbstständige Gemeinden Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg. Letzteres verblieb kirchlich bei Thal.

Am 7. September 1838 vernichtete ein verheerender Dorfbrand, von einem heftigen Föhnsturm begünstigt, 129 Gebäude samt der Kirche im Dorfkern und den nördlichen Gemeindeteilen. Doch innerhalb zweier Jahre entstand das Dorf neu, in klassizistisch-biedermeierlicher Anlage. Ab 1848 entwickelte sich Heiden zum Molkenkurort. Das Wirken des Augenarztes Albrecht von Graefe und des Neurologen Heinrich Frenkel machte Heiden nach 1860 zu einem der berühmtesten Kurorte Europas. Dessen Glanzzeit endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt Heiden als Kur- und Ferienort eine Renaissance.

Ab 1850 wurden auf den ausgebauten Strassen Reisepostverbindungen eröffnet. Die erste Linie führte über Grub nach Sankt Gallen. Weitere Linien kamen nach Rheineck, Trogen, Oberegg und ins Rheintal dazu. Ab 1906 löste das Postauto die Pferdekutschen ab. 1875 schloss die Rorschach-Heiden-Bergbahn, eine der wenigen Normalspur-Zahnradbahnen der Welt, Heiden an das schweizerische Schienennetz an. 1874 nahm das vorderländische Bezirkskrankenhaus, das heutige kantonale Spital, seinen Betrieb auf. Hier verbrachte Henry Dunant, Gründer des Roten Kreuzes, von 1887 bis 1910 die letzten 23 Jahres seines Lebens. 1901 erfuhr er eine grosse Ehre, ihm wurde der erste Friedensnobelpreis verliehen. Heute kann man das Dunant-Museum besuchen. 1902 wurde hier in der historisch reformierten Gegend eine erste katholische Kirche errichtet, die 1963 einem Neubau wich.

Trogen umfasst heute in der 10 km2 grossen und am Landsgemeindeplatz 904 m über Meer gelegenen Gemeinde am Fuss des Gäbris fast 2’000 Menschen. Nach der Verlegung des Verwaltungszentrums im 19. Jahrhundert nach Herisau ist Trogen heute noch Sitz der Gerichts- und Polizeibehörden. Darum hat es die meisten Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor anzubieten. Doch es gibt auch zahlreiche Gewerbebetriebe. Die Weiler sind stark landwirtschaftlich geprägt. Dank der Ladengeschäfte und der Post kann die Bevölkerung den täglichen Lebensbedarf in der eigenen Gemeinde decken. Weit über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist Trogen durch das Kinderdorf Pestalozzi. Es wurde auf Initiative von Walter Robert Corti Mitte der 40er-Jahre erbaut.

Wer in Trogen wohnt, fühlt historische Vergangenheit und kulturelle Gegenwart. Erstmals wurde das Dorf 1168 als „de Trugin“ – was eine Häuseransammlung bei den Trögen (Brunnen) meint – erwähnt. Schon das älteste bekannte Siegel von 1401 zeigt einen aufrecht in einem Trog stehenden Bären. Im 13. und 14. Jahrhundert umfasste das Amt Trogen unter der Herrschaft der Abtei Sankt Gallen das Gebiet rund um den Gäbris. 1381 erwarb Abt Kuno die Reichsvogtei über die Ämter am Alpstein. Sein rigoroses Regime war Anlass zu Befreiungskriegen, 1403 bei Vögelinsegg und 1405 am Stoss – das Land Appenzell entstand. Die Rhode Trogen war die grösste, sie umfasste das ganze Vorderland bis Walzenhausen. Als es 1597 wegen der Lehre Zwinglis zur Landteilung zwischen Innerrhoden und Ausserrhoden kam, wurde das reformierte Dorf an der ersten Landsgemeinde zum Hauptort des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Stock und Galgen kamen nach Trogen; der Richtplatz befand sich westlich im heutigen Ortsteil Gfeld. Die letzte Hinrichtung fand 1862 statt. Die reichen Textilhandelsfamilien Zellweger prägten im 18. und 19. Jahrhundert das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben des Dorfes. Auf internationalen Märkten durch Leinen- und Baumwollhandel reich geworden, liessen sie die Paläste rund um den Landsgemeindeplatz bauen. 1821 gründeten sie die Kantonsschule. Auch heute ist Trogen stark kulturell geprägt und zeigt mit dem Kinderdorf Pestalozzi ein weltoffenes Gesicht.

Gais kennt in seinem Herzen den Dorfplatz, das vitale Zentrum der Gemeinde mit gastronomischen, kulturellen Angeboten sowie diversen Einkaufsmöglichkeiten. Der Platz mit der historischen Häuserzeile als nördlicher Abschluss und der reformierten Kirche ist ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. Das architektonische Prunkstück prägte und prägt planerisches Denken in Gais bis heute. Das Baureglement ist weit über das Übliche hinaus ausgerichtet, die Eigenart und Schönheit des Bestehenden zu bewahren und Neues zuzulassen, wenn sich dieses ästhetisch befriedigend in den Gesamtrahmen einfügt. Dieser Ansatz brachte der Gemeinde 1977 die Würdigung mit dem «Wakkerpreis». Bekannt ist Gais als Molkenkurort und für seine Stoss-Wallfahrt.

Schlacht am Stoos: Unterhalb von Gais, an der Passstrasse von Altstätten via Stoss nach Gais, fand am 17. Juni 1405 die Schlacht am Stoos statt zwischen Appenzell und Habsburg während der Appenzellerkriege. Sie wäre ein eigenes Kapitel wert. Auslöser war die Belagerung von Altstätten durch die Appenzeller. Appenzell lag mit dem Abt des Klosters Sankt Gallen schon länger im Streit, der in der Schlacht bei Vögelinsegg 1403 gipfelte. Da sich die mit dem Abt verbündeten Bodenseestädte nach dieser Schlacht vom Konflikt zurückzogen, suchte der Abt die Annäherung an Herzog Leopold IV. von Österreich, dem Sohn von Leopold III., der in der Schlacht bei Sempach 1386 gefallen war. Es war eine kriegerische Zeit. Und Leopold IV. hatte ein Interesse daran, eine Verbindung der habsburgischen Herrschaftsgebiete in Vorarlberg und im Thurgau zu errichten. Dafür verbündete sich die Stadt St. Gallen erneut mit Appenzell, um sich vom Kloster Sankt Gallen loszulösen. Obwohl die Österreicher den Appenzellern zahlenmässig um das Dreifache überlegen waren, liessen sie rund 330 Tote auf dem Schlachtfeld zurück, darunter allein aus der Stadt Winterthur 95, aus Feldkirch 80. Die Appenzeller verloren rund 20 Männer, erbeuteten aber 170 Panzerrüstungen. Die Appenzeller waren im Aufwind und schlugen nun an anderen Orten zu, so zum Beispiel im Thurgau und in Bregenz. Als mythische Figur aus der Schlacht am Stoos ist der Appenzeller Held Ueli Rotach überliefert. Er habe sich allein gegen zahlreiche Feinde gewehrt und viele getötet, bis er selber umkam. Im Gymnasium Appenzell nannte sich die Studentenverbindung Rotacher.

Brülisau ist ein kleines, malerisches Sennendorf in Appenzell Innerrhoden. Es liegt zwischen Fähnern (1506 m), Hoher Kasten (1794 m) und Alp Sigel (1597 m). Auch die Ebenalp (1600 m) ist von der Kirche aus sichtbar. Darum gilt Brülisau als Eingangstor zum Alpstein. Neben der Kirche lassen sich die Wegweiser-Angaben fast nicht zählen, das Wegnetz ist super ausgebaut und beschildert. Sogar die Länge auf den Säntis wird vermerkt: 8 Stunden 15 Minuten. Auf den Hohen Kasten fährt eine Luftseilbahn. Die meisten Tourist:innen lassen sich hinaufbringen, um in einer Stunde im Drehrestaurant ein 360-Grad-Panorama zu erleben ohne sich zu bewegen. Die Gemeinde, auf 924 m ü. M. gelegen und weit verstreut, zählt 500 Einwohner:innen, davon sind 70 Schüler:innen. Typisch für Innerrhoden sind die Streusiedlungen. Zu Brülisau zählt auch das Berggasthaus Bollenwees am Fählensee (1471 m), ein Ausgangspunkt für Klettertouren in den Kreuzbergen, am Hundstein oder an den Widderalpstöck. Wanderwege auf den Säntis führen entweder via Rotsteinpass und Lisengrat dort hinauf oder via Widderalpsattel, Meglisalp und Wagenlücke. Der Widderalpsattel (1854 m ü. M.) ist der höchste Punkt, den ich auf MBB’s Bodensee-Trail zu Fuss überquerte.

Der Alpstein ist ein Kalksteinmassiv. Der Kalkstein ist mit zahlreichen Rissen, Höhlen und Dolinen durchsetzt. Das dadurch abfliessende Wasser führt zu Wassermangel, der von manchen Hütten und Alpen durch das Auffangen von Regenwasser kompensiert werden muss. Der dreifache Gebirgszug ist steil und die Täler sind tief eingeschnitten. Der Alpstein ist ein ideales, teils anspruchsvolles Wandergelände mit rund 600 Kilometern Wanderwegen und zahlreichen Berggasthäusern.

Säntis-Gipfel auf 2502 m ü. M.: Vom Estrichfenster meines Elternhauses konnte ich als Kind einen Blick auf die Spitze des Säntis mit seiner Antenne werfen. Sie ist rund 30 km von Arbon entfernt. Ich war stolz auf diese spezielle Perspektive durch eine kleine runde Scheibe unter dem Dach. Der Alpstein ist, neben dem Bodensee, vom Arboner Panorama nicht wegzudenken. Das gilt für alle Jahreszeiten ausser für Tage mit dichtem Nebel am See.

Daten zur Geschichte auf dem Säntis-Gipfel:

  • 1846 wird ein einfaches Gasthaus auf dem Säntis erstellt. Jakob Thörig, genannt «Schribersjok», baut eine einfache Bretterhütte und innert weniger Monate eine gemauerte Schutzhütte auf dem Säntisgipfel.
  • 1882 wird der Säntis wird zum Wetterberg.
  • Ab 1886 werden erste Bahnprojekte geplant.
  • 1903 wird die Konzession für eine Zahnradbahn erteilt. Geplant ist die Streckenführung Appenzell-Wasserauen-Meglisalp-Säntis.
  • 1935 kann die Säntis-Schwebebahn eröffnet werden.
  • 1957 hält die Kommunikation Einzug. Die PTT nimmt die erste Anlage für Radioübertragungen in Betrieb. Ein Jahr später folgt die erste Fernseh-Sendung von einem Mast mit 18 Metern Höhe.
  • 1960 gibt es grössere Seilbahnkabinen.
  • 1972 wird die neue Säntis-Schwebebahn gebaut mit Kabinen für 100 Personen. Die augenfälligste Veränderung ist der neue Sendeturm der PTT.
  • 1995 bis 1998 läuft das Projekt Säntis 2000. Die Säntis-Schwebebahn AG und die Swisscom erweitern das Mehrzweckgebäude auf dem Gipfel mit völlig neuen Publikumsräumen, Aussichtsterrassen und Restaurants, vergrösserten Sendeanlagen und einem neuen Wahrzeichen auf dem Gipfel: dem grazilen, nadelförmigen Sendeturm mit einer Höhe von 123 Metern.
  • 2000 nehmen neue Schwebebahn-Kabinen den Betrieb auf.
  • 2001 wird die modernste ARA der Schweiz gebaut mit einer Bio-Membranreaktor-Abwasserreinigungsanlage auf dem Säntis.
  • Ausführliche Infos zur Bautätigkeit auf dem Säntis lesen Sie unter https://saentisbahn.ch/geschichte/

Die Schwägalp hat mehrere Funktionen. Sie ist ein Passübergang auf 1278 m, der Nesslau im Obertoggenburg und Urnäsch im Appenzell verbindet. Sie ist ein NaturErlebnispark, eine Moorlandschaft, ein Wanderparadies. Sie bildet die Talstation der Säntis-Schwebebahn. Und sie veranstaltet ein traditionelles und berühmtes Bergschwingfest. Am 14. August 2022 fand der letzte Schwägalp Schwinget statt. Ich schaute via Fernsehen zu. Den Schlussgang bestritten Samuel Giger und Roger Rychen vor 13’850 Zuschauern. Der Thurgauer Samuel Giger gewann zum fünften Mal.

Appenzell bietet eine Website zur Geschichte von Land und Leuten in Innerrhoden und tw. in Ausserrhoden an, in der linken Spalte können die einzelnen Kapitel angeklickt werden. Es beginnt mit der Urgeschichte: ai.ch/land-und-leute/geschichte/

Zuerst eine persönliche Vorbemerkung: während meiner Jugendzeit spielte Appenzell eine wichtige Rolle. Ich besuchte von Herbst 1996 bis Juni 1972 das Kollegium St. Antonius, eine Gymnasium mit Internat, das von Kapuzinern geführt wurde. Die Kapuziner waren mit ihrem Kloster seit 1587 im katholischen Teil des Appenzellerlandes tätig. Nun fasse ich Ereignisse, die auf der Website beschrieben sind, zusammen:

Älteste menschliche Funde im Appenzellerland gehen auf die wärmere Zwischeneiszeit vor 45’000 bis 30’000 Jahren zurück. Bei ersten, 1903-1908 unternommenen Grabungen im Wildkirchli wurden bearbeitete Steine aus dem nahen Weissbach-Schwende-Tal gefunden. Urzeitliche Jäger benutzten die in der Südostwand des Ebenalpstocks gelegene Höhle auf ihren Streifzügen als Unterschlupf und trugen die Steinwerkzeuge den Berg hinauf. Die Archäologen förderten auch Knochen von Hunderten Höhlenbären zu Tage. Die ursprüngliche Ansicht, die Bären seien von den Jägern erlegt worden, ist indes nach neueren Erkenntnissen falsch. Die Tiere dürften wohl ihren Winterschlaf in der geschützten Höhle gehalten haben und dabei eines natürlichen Todes gestorben sein. Später bedeckten Säntis- und Rheingletscher von neuem die appenzellischen Hügel und Täler und schmolzen erst vor rund 10’000 Jahren letztmals ab.

Die nächsten menschlichen Werkzeugfunde gehen auf die Bronzezeit um 1200 v. Chr. zurück. Es ist aber anzunehmen, dass das Appenzellerland von den Wanderungen der Urzeit nur am Rande berührt wurde. Es handelte sich um ein Niemandsland zwischen keltischen und rätisch-illyrischen Völkern. Mit dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches im 5. Jahrhunderts n. Chr. schwand die geringe Nutzung gänzlich. Im Frühmittelalter nannte die Bevölkerung das Appenzellerland den „Arboner Forst“ und brachte damit zum Ausdruck, dass es sich um eine unerschlossene Wildnis handelte.

Im Jahr 1071 Gründung der Pfarrei St. Mauritius. Bis ins frühe Mittelalter war das Appenzellerland nicht dauernd besiedelt. Wälder bedeckten Hügel und Täler. Als Gallus gemäss Legenden 612 in die Gegend kam, fand er dort nichts als Wildnis vor und soll eine Einsiedelei gegründet haben. Aus dieser entstand – und hier wird es historisch – 719 das Kloster Sankt Gallen. Dieses bestimmte für die nächsten Jahrhunderte die Entwicklung der appenzellischen Gebiete entscheidend mit. Im 8. Jahrhundert setzte die Besiedlung der Appenzeller Hügellandschaft durch alemannische Familienverbände ein. Treibende Kraft hinter der Siedlungsbewegung war das Kloster Sankt Gallen. Landesausbau bedeutete Herrschaft über Ländereien und Menschen und damit Wohlstand und Macht für das aufstrebende Stift. Auch die Bauern rund um Appenzell waren von Äbten mit der Urbarmachung betraut. In ‚Abbacella‘, wie man damals sagte, befand sich ein Kellerhof des Klosters, dem sie ihre jährlichen Abgaben an Feldfrüchten und Nutztieren zu entrichten hatten. Als die Bevölkerung angewachsen war, stiftete Abt Norbert von St. Gallen im Jahr 1071 in Appenzell eine Pfarrkirche, die Mauritius geweiht war.

Im Hochmittelalter (11.-14. Jahrhundert) erwarb das Kloster Sankt Gallen weitere Rechte. Dem Stift gehörte ein grosser Teil der an Bauern verliehenen Höfe, und es bestimmte über die Geschicke der Pfarrei Appenzell. Äbtische Vögte sprachen im Namen des Klosters Recht und nicht zuletzt gab es Landleute, die als Eigenleute dem Kloster gehörten. Eine Vielzahl von Rechten fügte sich zu einem Herrschaftsgebilde zusammen, das in Innerrhoden einer umfassenden Landesherrschaft nahe kam. Einzig die hohe Gerichtsbarkeit entglitt dem Kloster. Sie gelangte 1180 in die Hand von Kaiser Friedrich Barbarossa, womit das Appenzellerland Reichsvogtei wurde. 1344/45 konnte Abt Hermann von Bonstetten die hohe Gerichtsbarkeit allerdings zugunsten des Klosters zurückkaufen. 1353 erhielt er zudem ein kaiserliches Markt- und Zollprivileg für den Ort Appenzell.

Von 1401 bis 1429 führten die Appenzeller Krieg und lösten sich von der klösterlichen Herrschaft. Die Abnahme der Wohnbevölkerung im Spätmittelalter infolge Hungersnöte und Pestzügen führte zu einer Verminderung herrschaftlicher Einkünfte des Klosters. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch die einsetzende Umstellung der Appenzeller Landwirtschaft weg vom Ackerbau, hin zur Viehwirtschaft. Dem Kloster, das sich mit zeitweise noch vier Mönchen auf einem Tiefpunkt befand, gelang es nicht, die geschuldeten Abgaben auf neue Produktionsformen zu übertragen. Deshalb versuchte Abt Kuno von Stoffeln (1379-1411), die fürstäbtische Herrschaft wieder zu verdichten. Die Bevölkerung reagierte mit Widerstand. 1401 schlossen Appenzeller und die Stadt St. Gallen ein gegen das Kloster gerichtetes Bündnis. Der Konflikt eskalierte, als sich der eidgenössische Stand Schwyz auf Seiten der Aufständischen engagierte. Den Schwyzern, die danach trachteten, ihre Macht in der Ostschweiz zu erweitern, kamen die aufmüpfigen Appenzeller gerade recht. Abt Kuno hingegen verfügte seit 1392 über ein Schutzbündnis mit den österreichisch-habsburgischen Herzögen. Nachdem die Innerrhoder 1402 die Burg Clanx zerstörten, kam es 1403 in der Schlacht auf der Vögelinsegg in der Nähe von Speicher zur bewaffneten Entscheidung, in der die Appenzeller die Oberhand behielten. Nach einer weiteren Niederlage des äbtischen Lagers in der Schlacht am Stoss (1405) bei Gais gab es für die Appenzeller und Sankt Galler kein Halten mehr. Als „Bund ob dem See“ unternahmen sie Eroberungs- und Plünderungszüge, die sie bis weit ins Thurgau und sogar bis über den Arlberg hinausführten. Unter dem weltlichen Adel und der kirchlichen Obrigkeit verbreiteten sie Angst und Schrecken, unter den Bauern, die nichts zu verlieren hatten, ernteten sie Bewunderung für ihren Freiheitswillen. Viele Landschaften und Orte in der Ostschweiz, im Vorarlberg und im Tirol schlossen sich dem Bund ob dem See aus freien Stücken an. Österreich aber sammelte seine Kräfte und brachte den Appenzellern, die dabei waren, Bregenz zu belagern, 1408 eine Niederlage bei. Diese war zwar militärisch nicht entscheidend, untergrub den Ruf der appenzellischen Unbesiegbarkeit jedoch. Da die Stadt Sankt Gallen und das Land Schwyz danach eine Politik des Ausgleichs beschritten, gelang es den Appenzellern nicht, den Bund ob dem See aufrecht zu erhalten. Sie mussten 1408 dessen Auflösung durch einen Schiedsspruch König Ruprechts von der Pfalz hinnehmen. Die Zähmung der Appenzeller nahm ihren Fortgang, als sie 1411 in ein Burg- und Landrecht mit den Eidgenossen eintraten. Weiterhin verweigerten sie dem Abt jedoch die geschuldeten Abgaben. 1429 war es schliesslich Graf Friedrich VII. von Toggenburg, der den Appenzellern mit Hilfe süddeutscher Ritter in der Hub oberhalb von Gossau eine letzte Niederlage beibrachte. Die Appenzeller behielten danach zwar eine gewisse Unabhängigkeit vom Kloster. Die Ablösung der grundherrlichen Abgaben gelang jedoch erst viel später gegen finanzielle Entschädigung.

Der Beitritt des Landes Appenzell zur Eidgenossenschaft (1513) bildete den Abschluss einer rund hundertjährigen, von Rückschlägen geprägten Entwicklung. 1411 nahmen die eidgenössischen Orte die Appenzeller erstmals in ihr Burg- und Landrecht auf. Den Eidgenossen ging es darum, die Appenzeller nach deren Kriegszügen der Jahre 1403 bis 1408 zur Ruhe zu bringen und für ihre politischen Ziele einzusetzen. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass die Appenzeller den eidgenössischen Orten gehorsam zu schwören hatten und sich nicht in deren Konflikte einmischen durften. Auch hatten sie auf jedes Ersuchen hin militärisch zu Hilfe zu eilen, während die Eidgenossen ein appenzellisches Aufgebot nach Gutdünken auch ablehnen konnten.

Ein zeitlicher Sprung: Obwohl die Appenzeller im Schwaben- bzw. Schweizerkrieg von 1499/1500 zum wiederholten Male mit Truppenaufgeboten auf Seiten der Eidgenossen standen, verweigerten ihnen diese 1501, 1510 und 1512 die Aufnahme als vollberechtigtes Mitglied. Städtische Orte wie Solothurn und Freiburg (beide 1481 aufgenommen), Basel (1501) sowie Schaffhausen (1503) erhielten den Vorzug. Eine Wende zeichnete sich erst 1513 ab. Die Appenzeller beteiligten sich auf Ersuchen von Kaiser Maximilian an einem Feldzug gegen den französischen König. Als die Eidgenossen in deren burgundischen Hauptstadt Dijon angelangt waren, machte ihnen Frankreich finanzielle Versprechungen, um sie anschliessend hinzuhalten. Die ungewisse Lage zwischen den Interessen der beiden mächtigen Monarchen stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl, sodass die eidgenössischen Orte nun unvermittelt bereit waren, die Türe für die Appenzeller zu öffnen. Am 17. Dezember 1513 stellten sie den Bundesvertrag aus, der die Appenzeller als 13. Mitglied der Eidgenossenschaft aufnahm.

Die Reformation führte zu einem paritätischen Staatswesen. Ausgehend von der Kritik Martin Luthers an der katholischen Kirche (1517), trat der Zürcher Geistliche Huldrich Zwingli ab 1522 offen gegen Missstände auf. Gefördert durch die Lehren des Sankt Galler Reformators Joachim von Watt (Vadian) verbreitete sich das neue Gedankengut auch im Appenzellerland. In den Kirchhören der inneren wie der äusseren Rhoden standen sich Anhänger des alten und des neuen Glaubens gegenüber. Um diese konfliktträchtige Situation zu entschärfen, beschloss die Landsgemeinde vom April 1525, dass jede Pfarrei sich für einen Glauben entscheiden, danach aber Freizügigkeit bestehen solle, damit sich die konfessionelle Minderheit in einer Kirchhöri ihres Bekenntnisses niederlassen könne. Mit Ausnahme von Herisau, das noch bis 1529 am alten Glauben festhielt, entschieden sich die äusseren Rhoden für die neue Lehre. Gais, das damals zu den inneren Rhoden zählte, machte die Reformation ebenfalls mit. Die Bewohner der inneren Rhoden hingegen verblieben mehrheitlich beim alten Glauben. Doch die reformierte Minderheit in der Kirchhöri Appenzell gab keine Ruhe. Unterstützt von reformierten Kreisen aus den äusseren Rhoden und vom Stand Zürich versuchten sie, die neue Lehre durchzusetzen. Der katholische Appenzeller Pfarrer Diepolt Hutter wurde von seinen Gegnern mehrfach derart bedrängt, dass er die Pfarrei fluchtartig verlassen musste. 1531 gelang es den Reformierten beinahe, sich durchzusetzen. Doch ein bewaffneter Zug von aufgebrachten Bewohnern aus dem benachbarten Gonten verhinderte die Abschaffung der Messe in Appenzell. Gleichen Jahres besiegten die katholischen Orte das reformierte Zürich im Zweiten Kappelerkrieg, wobei Huldrich Zwingli den Tod fand. Damit waren die Pläne für eine vollständige Reformation des Landes Appenzell gescheitert. Das noch ungeteilte Staatswesen entwickelte sich zum paritätischen Stand, in dem trotz gelegentlichen Spannungen zunächst ein friedliches Nebeneinander der beiden Konfessionen möglich war. Was die inneren und äusseren Rhoden verband, war die gemeinsame Geschichte, dasselbe, von der Landsgemeinde geprägte Staatsverständnis sowie die von beiden getragene, zunächst noch auf Frankreich ausgerichtete Bündnispolitik.

In der Gegenreformation unter dem Einfluss des Konzils von Trient (1545-1563) versuchte eine Gruppe von massgebenden Politikern der inneren Rhoden von der Mitte des 16. Jahrhunderts an, den politischen Verbindungen Appenzells zur Innerschweiz eine religiöse Komponente zu geben. Die katholische Reform und die Gegenreformation fassten allmählich Fuss. Die Visitation der Pfarrei Appenzell durch den päpstlichen Nuntius Francesco Bonomi 1579 hinterliess bei der katholischen Bevölkerung ein nachhaltiges Gefühl der Nähe zu Rom. Vernachlässigtes katholisches Brauchtum wie Marien- und Heiligenfeste wurden wiederbelebt und das Kontrollrecht des Landrates über die Geistlichkeit verschärft. Am 8. Januar 1584 nahm der Rat ausserdem den durch Papst Gregor XIII. 1582 erlassenen, verbesserten Kalender gegen den Widerstand der Vertreter der äusseren Rhoden an. Entscheidenden Einfluss auf das Aufkeimen konfessioneller Spannungen hatte die 1587 erfolgte Berufung der Kapuziner nach Appenzell. Deren gegenreformatorisches Wirken führte zunächst zum Glaubensvertrag von 1588 und damit zu einer strengen Auslegung des Kirchhöriprinzips. In der Pfarrei Appenzell wurde die reformierte Minderheit vor die Wahl gestellt, sich zur katholischen Konfession zu bekennen oder auszuwandern. Damit war die konfessionelle Einheit in den inneren Rhoden wieder hergestellt. Der Glaubensvertrag führte zu starker Verstimmung in den äusseren Rhoden, die auf ihrem Gebiet mit gleichen Massnahmen gegenüber der katholischen Bevölkerung reagierten.

Das Appenzellerland trennte sich 1597 in zwei Halbkantone. Die seit der Reformation bestehenden Spannungen zwischen den katholischen inneren Rhoden und den reformierten äusseren Rhoden wurden verschärft, als die fünf inneren Orte der Eidgenossenschaft und Freiburg 1588 eine Einladung an Appenzell richteten, dem kurz zuvor abgeschlossenen Soldbündnis mit dem habsburgischen Spanien bzw. dem zu Spanien gehörigen Herzogtum Mailand beizutreten. Die Führer der inneren Rhoden standen diesem Ansinnen positiv gegenüber, waren die Pensionsgelder aus dem bestehenden Bündnis mit Frankreich doch immer häufiger ausgeblieben. Zudem hoffte man, der angewachsenen Bevölkerung durch Solddienste vermehrtes Einkommen zu verschaffen. Nicht zuletzt ging es darum, die katholische Konfession zu festigen und allenfalls die Glaubenseinheit im Appenzellerland wieder herzustellen. Die Vertreter der äusseren Rhoden leisteten diesen Bündnisplänen mit Unterstützung der reformierten eidgenössischen Orte hartnäckigen Widerstand. Davon unbeeindruckt beanspruchten die inneren Rhoden als Namen gebender Teil des Landes für sich das Recht, das Bündnis für das ganze Land Appenzell einzugehen. Mit Hilfe der Innerschweizer Orte gelang es, den zunächst skeptischen spanischen König Philipp II. von der Wichtigkeit eines Beitritts des Appenzellerlandes zu überzeugen. Dabei ging es nicht zuletzt auch um Fragen des Gleichgewichts von katholischen und reformierten Ständen in der Eidgenossenschaft. Mangels Einigung zog sich die Angelegenheit in die Länge, bis die inneren Rhoden 1596 den folgenschweren Vertrag mit der aufstrebenden katholischen Vormacht in Europa ohne Einwilligung der äusseren Rhoden unterzeichneten. Der Graben zwischen den im Glauben und in der Aussenpolitik zerstrittenen Rhoden war nun so tief, dass alle Vermittlungsversuche scheiterten. Im Juni 1597 stimmten Inner- und Ausserrhoder auf separaten Landsgemeinden der Trennung des Landes in zwei Halbkantone zu. Die weltanschauliche Separierung, die damit für die folgenden Jahrhunderte ihren Lauf nahm, kann gar nicht tief genug eingeschätzt werden. Abgesehen von einigen pragmatischen Vereinbarungen lebte man während Jahrhunderten aneinander vorbei. Bis auf den heutigen Tag sprichwörtlich sind kleine Sticheleien, die sich immer wieder zutrugen, wie das Jauche austragen an kirchlichen Festtagen der Nachbarn oder die teils handgreiflichen Auseinandersetzungen im Verlaufe der traditionellen Stoss-Wallfahrt. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelten sich die beiden Halbkantone auch in wirtschaftlicher Hinsicht unterschiedlich. Ausserrhoden hatte starken Anteil an der Frühindustrialisierung und profitierte von der Nähe des Textilhandelszentrums Sankt Gallen. Innerrhoden hingegen verlor nach der Niederlage der katholischen Orte im Toggenburgerkrieg von 1712 zusehends an Bedeutung und verharrte auf einem agrarisch-kleingewerblichen Stand.

Und in knappster Kürze:

  • 1798: Franzosen erobern das Land
  • 1828: Politischer Umsturz in Appenzell, ein Vorläufer der europaweiten Juli-Revolutionen von 1830
  • 1847: Appenzell Innerrhoden beteiligt sich nicht am Sonderbundskrieg. Das Misstrauen gegenüber dem Bundesstaat sitzt tief.
  • 1872: Erlass der heutigen Kantonsverfassung. Der konservativ-liberale Gegensatz führte zu politischen Spannungen.
  • 1886: Die Eisenbahn erreicht Appenzell.
  • 1990: Einführung des Frauenstimmrechtes. Dies ist der letzte Eintrag auf der Website zu Land und Leuten.

Sankt Gallen lässt sich in drei Sätzen nicht beschreiben. Auch nicht in drei Seiten. Weder mit drei Kapiteln noch mit drei Büchern. Trotzdem schreibe ich in dieser Rubrik einen Text zur Stadt. Sie gehört zur Region Sankt Gallen-Bodensee und ist selbstverständlich Etappenort auf meiner Bodensee-Umwanderung. Zur Geschichte der Stadt Gallen folgt nach der Wanderung ein eigener Essay. Erste Informationen lesen Sie jedoch bereits im Essay Kirchen- und Klosterlandschaft Bodensee.

Willkommen wird im Weltkulturerbe Stiftsbezirk Sankt Gallen geheissen, wer hier herkommt. Das Welterbe der UNESCO ist zeitlos – einzigartig – inspirierend. Darum kommen viele Menschen wohl fast aus der ganzen Welt als Tourist:innen in die Ostschweiz. Zum Stiftsbezirk zählen Kathedrale, Stiftsbibliothek und Gewölbekeller, Ausstellungssaal sowie Karls-Tor und Kloster-Bistro. Den Mittelpunkt bildet die spätbarocke Kathedrale mit der das Stadtbild prägenden Doppelturmfassade. Zwischen 1755 und 1767 wurde sie als Klosterkirche nach Plänen von Peter Thumb und Johann Michael Beer erbaut. Seit 1847 fungiert sie als Kathedrale des Bistums Sankt Gallen. Staunen löst die Stiftsbibliothek aus mit ihrem Barocksaal und der Handschriftensammlung, die als einzigartig gilt. Sie zählt zu den bedeutendsten historischen Bibliotheken der Welt. Im Gewölbekeller führt die Ausstellung Gallus und sein Kloster durch 1400 Jahre Kulturgeschichte, leider mit wenig historischer Selbstkritik. Speziell im Gewölbekeller ist das um 895 von Tuotilo und Sintram geschaffene Evangelium Longum. Und im Ausstellungssaal kann der Sankt Galler Klosterplan aus dem Kloster Reichenau im Original bewundert werden. Umgesetzt wurde er nie. Ein paar hundert Meter entfernt vom Stiftsbezirk, neben der heute reformierten St. Mangen-Kirche, steht eine Statue von Wiborada auf dem Wiboradaplatz. Die Inklusin Wiborada wurde 926 beim Ungarn-Einfall getötet und starb als Märtyerin. In meinem Blog vom 19. Oktober 2022 lesen Sie unter Etappe 29 mehr zu Wiborada. Auch von Otmar steht eine Figur, logischerweise beim Klosterplatz. Gallus finden Interessierte in der Gallus-Kapelle neben der Kathedrale sowie beim Wasserfall der Steinach am Ende des Mühletobels. Dort beginnt der Gallus-Weg, welcher entlang des Flusses Steinach durch das Steinachtobel nach Steinach führt – hier mündet der Fluss in den Bodensee. Von Steinach sind es nur noch ein paar Schritte nach Arbon zur Gallus-Kapelle. Die Tourist:innen-Werbung schreibt, diesen rund vierstündigen Weg sei Gallus persönlich oft gegangen – in den wenigen Jahren vor 612, als er in der Region am Bodensee gelebt und gewirkt haben soll.

Mörschwil hat eine Barockkirche. Sie ist Johannes dem Täufer geweiht und im Auftrag des Abtes von Sankt Gallen zwischen 1699 und 1704 erbaut worden, wie viele Barockkirchen im 17. und 18. Jahrhundert. 1783 hat man sie im Rokoko-Stil umgestaltet. Auf dem Hauptaltar stehen Gallus und Otmar. Bereits vorreformatorisch stand hier eine Wallfahrtskirche.

Steinach (Teil II) heisst auch der Bach oder Fluss, der hier von Sankt Gallen her in den Bodensee mündet. Er durchfliesst das Steinachtobel und kommt u.a. bei der alten Steinerburg der Herren von Steinach vorbei. Heute ist die Burg eine Ruine. Die Steinach ist 14 Kilometer lang und entspringt im Steineggwald oberhalb von St,. Georgen, einem Stadtteil von Sankt Gallen. Erstmals erwähnt ist das Dorf Steinach 769 im Zusammenhang mit der Rückführung des Leichnams von Otmar  von der Insel Werd 10 Jahre nach seinem Tod. Dieser kam über den Bodensee und die Steinach hinauf nach Sankt Gallen. Zu dieser Zeit wird im Gebiet des heutigen Steinachs ein Hof mit dem Namen Villa Steinaha und eine Anlegestelle für Schiffe vermerkt. Eine Urkunde von 782 erwähnt eine Landschenkung an das Kloster Sankt Gallen. 1459 wurde die Vogtei Steinach an die Stadt St. Gallen abgetreten, die 1473 das Gredhaus bauen liess. Das heute noch bestehende Gebäude diente als Getreidespeicher. 1490 trat die Stadt Sankt Gallen die Vogtei Steinach an die Fürstabtei Sankt Gallen ab.  Während der Helvetik von 1798 bis 1803 gehörte das Dorf zum Kanton Säntis.

Arbon (Teil II) ist eine Kleinstadt im Oberthurgau. Für mich ist Arbon auch Startort (17. April 2022) und Zielort (23. Oktober 2022) der Bodensee-Umwanderung 2022. Zu meiner Geburtsstadt (17. Juli 1952) lässt sich einiges sagen. Ein eigener Essay versucht persönliche Annäherungen. Infos gibt es zudem unter

Arbon lebt und zeigt sich offen für Neues. Es entwickelt sich mit neuen Projekten weiter – und dies seit mehr als 5000 Jahren. Ausgezeichnet mit dem Label „UNESCO-Weltkulturerbe“ dank der prähistorischen Pfahlbauten weiss die Stadt am Bodensee um historische Wurzeln. Gleichzeitig fördert sie High-Tech-Innovation. Nahe des Seeufers, aber ausserhalb der teilweise noch intakten Stadtmauer gelegen, gehören das Schloss, die katholische Kirche St. Martin, das Pfarrhaus (das Rote Haus), die romanische Gallus-Kapelle aus dem 12./13. Jahrhundert mit bewegter Baugeschichte sowie Ausgrabungen des römischen Kastells Arbor felix von Ende des 3. Jahrhunderts (unter Kaiser Diokletian) zu einem historischen Bezirk, der früher eine Halbinsel bildete. Umstritten ist, ob gegen Ende des 6. Jahrhunderts der Bischofssitz von Vindonissa / Windisch zuerst nach Ad Fines / Pfyn (= an der Grenze), dann nach Arbon und schliesslich nach Konstanz verlegt worden ist, wo christianisiertes an germanisch-„heidnisches“ Gebiet grenzte. Im Schloss Arbon befindet sich heute passenderweise das Historische Museum Schloss Arbon. Die Kirche St. Martin weist verschiedene Bauetappen auf: der Chor ist gotisch, der Turm neugotisch umgestaltet und das Kirchenschiff spätbarock (1786-89). Der Sakristeianbau erfolgte 1950/54. Erstmals bestätigt eine Urkunde von 1155, ausgestellt von Kaiser Friedrich I. Barbarossa eine Pfarrkirche zu Arbon. Diese gehörte dem Domstift in Konstanz. 1282 und 1285 erwarb das Domstift sämtliche Reche zu Arbon mitsamt einer Burg und der Stadt. Der Ort besass bereits seit dem 10. Jahrhundert das Markt- und seit 1255 das verbriefte Stadtrecht.

Schloss Arbon ist ein architektonisches Zeichen der Verbundenheit des Bischofs von Konstanz mit dem Thurgau. Der Herrschaftssitz wurde zwischen 1515 und 1520 von Fürstbischof Hugo von Hohenlandenberg (1460 – 1532) neu errichtet – und zwar für seinen privaten Komfort. (Über Hugo von Hohenlandenberg finden Sie in der Rubrik Essay einen längeren Text des Winterthurer Historikers Peter Niederhäuser.) Im Frühjahr 1519 brach in Konstanz die Pest aus, der Bischof zügelte in den Bischofsbesitz Arbon und dort in seine neue Residenz mit bischöflicher Privatkapelle. Mit dem neuen Schloss beschäftigte er sich als kunstsinniger Mensch längere Zeit und brauchte viel Geld dafür. Anstelle einer hochmittelalterlichen Burg liess er einen repräsentativen, mehrteiligen Neubau errichten, nur der ins 13. Jahrhundert datierte Turm blieb stehen. Bauleiter war sein Cousin Hans von Breitenlandenberg, beide stammten aus dem Tösstal. Hans amtete gleichzeitig als Obervogt von Arbon. Wie die Schloss-Anlage tatsächlich aussah, ist schwierig zu sagen, Zeugnisse fehlen. Im 19. Jahrhundert erfuhr sie nämlich durch bauliche Eingriffe starke Veränderungen. Vielleicht kann im Hinteren Schloss der heutige, zweischiffige Landenbergsaal noch etwas von der damaligen herrschaftlichen Raumausstattung vermitteln. Das Interieur soll prachtvoll gewesen sein. Heute beherbergt die Location das Historische Museum Schloss Arbon. Mehr Details unter www.museum-arbon.ch. In der etwas unterhalb des Schlosses gelegenen Kirche St. Martin war ich als Kind und Jugendlicher lange Zeit engagiert: als Ministrant, als Jungwächter, als Sänger im Jugendchor, als Gottesdienstbesucher, als Lektor und als Gestalter von Gottesdiensten. Im Roten Haus, dem Pfarrhaus, ging ich ein und aus. Den Umbruch der katholischen Kirche erlebte ich im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) hautnah mit. Die Pfarrei Arbon galt als modern und offen.